Überforderung ist einer der Hauptgründe für Gewalt gegen Kinder. Den Anstieg der Anzeigen 2003 (siehe Grafik) erklären Experten mit verstärkten Präventionskampagnen durch die Behörden

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Innsbruck - "Wir müssen mutiger werden, gefährdete Familien zu erkennen, zu begleiten und zu unterstützen", sagte der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Wilhelm Rotthaus am Rande der vom Sozialpädagogischen Institut des SOS-Kinderdorfs organisierten Tagung "Brüchige Lebensverhältnisse - Prekäre Jugendwohlfahrt". Es gehe darum, möglichst früh anzusetzen, etwa durch die Befragung von Hebammen. Rotthaus ist überzeugt, dass frühzeitig einsetzende präventive Arbeit sehr erfolgreich sein kann und die Abnahme von Kindern nur ganz selten erfordere: "Wenn sie ganz dicht dran sind, dann ist das Risiko gering." Dabei, so Rotthaus, dürfe man auch nicht davor zurückschrecken, dass sich der Staat auch unerwünschterweise in familiäre Angelegenheiten einmischt.

Einen Schritt weiter geht Tirols Landeshauptmannstellvertreterin Elisabeth Zanon (VP). Sie will die Auszahlung der Familienbeihilfe an die Absolvierung von Elternbildungsprogrammen binden.

Nicht Strafe, sondern "Hilfe"

"Eine Beratung soll aber nicht als Strafe, sondern als Hilfe verstanden werden", betont Zanon, die in der Isoliertheit vieler Familien eine Hauptursache für Unwissenheit und Überforderung sieht.

Vorsichtige Unterstützung kommt vom "Österreichischen Kinderschutzbund - Verein für Gewaltlose Erziehung". Der Erziehungswissenschafter Josef Christian Aigner - bis vor kurzem Obmann des Kinderschutzbundes - kann sich eine "teilobligatorische Elternbildung" vorstellen, die mit Leistungen aus Familienpässen gekoppelt ist. Aigner und Rotthaus verweisen darauf, dass in skandinavischen Ländern mit derartigen Modellen die Gewaltrate gegen Kinder eindeutig gesenkt werden konnte.

Gewalt an Eltern

Ein besonderes Tabu brachte Rotthaus in seinem Vortrag ins Spiel: Demnach gebe es inzwischen mehr Eltern, die unter der Gewalt ihrer Kinder leiden als umgekehrt. Die Palette reiche von körperlicher Gewalt bis zur Erpressung und betreffe nach Expertenschätzungen zehn bis 14 Prozent der Eltern. Die meisten Täter gebe es unter den 14- bis 16-Jährigen, ab 18 spiele Gewalt von Kindern an ihren Eltern dann kaum noch eine Rolle. Zu dem extrem schambesetzten Thema gebe es kaum wissenschaftliche Untersuchungen, betont Rotthaus.

Seit zwei Jahren beschäftigen sich die SOS-Mitarbeiter Susanne Zoller-Mathies und Hermann Putzhuber mit einem Modell des "Statistischen Monitoring" im Bereich der Jugendwohlfahrt. "Es gibt kaum vergleichbare Zahlen", lautet der unerfreuliche Befund. Etwa bei den Fremdunterbringungen, aber auch bei den Aufwendungen der Länder für die Jugendwohlfahrt. Statistisch schwanken diese zwischen 80 und 300 Euro pro Kind und Jahr, was unter anderem daran liegt, dass Personalkosten teilweise in anderen Budgetposten enthalten sind. Dadurch seien aber nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Vergleiche unmöglich, sagt Putzhuber. (Hannes Schlosser, DER STANDARD Printausgabe, 5.12.2007)