Ein Mädchen aus Harare wartet in Johannesburg auf den Bus. Lerato Maduna hat sie dabei fotografiert.

Foto: Camera Austria

Graz – "Wir sind nicht angetreten, um etwas zu beweisen oder zu sagen, wenn etwas so ist, dann ist es richtig", beschreibt Christine Frisinghelli die Gründungszeit der Zeitschrift Camera Austria, die 1980 von ihrem Lebenspartner Manfred Willmann gegründet wurde. Seit fast 30 Jahren leitet Frisinghelli, die von 1996 bis 1999 auch Intendantin des steirischen herbstes war, die Zeitschrift samt internationalen Symposien und Ausstellungen.

Nun ist das Heft Nummer 100 erschienen. Keine Jubiläumsnummer oder Rückblick im strengen Sinn, denn "eine Absicherung des Erreichten erschien mir überhaupt nicht notwendig", meint Frisinghelli im Gespräch mit dem Standard. Stattdessen widmete man das Heft I am not afraid der gleichnamigen Ausstellung des "Market Photo Workshop" aus Johannesburg, das David Goldblatt in den 80er-Jahren gründete. Goldblatt erhielt 1995, lange bevor er international bekannt wurde, von der Stadt Graz verliehenen Camera Austria Preis.

Bezeichnend ist die Auseinandersetzung der Camera Austria mit Goldblatts Schule deswegen, weil man eben nicht zeigen will, wie etwas zu sein hat, sondern sich immer auch damit beschäftigte, zu zeigen, wie etwas ist. Man sei sicher beeinflusst gewesen von den USA der 70er-Jahre, dem "social landscaping" oder dem "topografischen Dokumentarismus", so Frisinghelli. Die Rolle, die Fotografie spielen kann, kann man am Beispiel des Market Photo Workshop nachvollziehen.

Es ist eine Schule, wo schon zu Zeiten der Apartheid schwarze Südafrikaner ebenso studieren konnten wie privilegierte Weiße. Die verschiedenen Kurse dauern von einigen Wochen bis zu einem Jahr, wobei die Studenten mitten ins Geschehen einer jungen Demokratie gestoßen werden. "Unsere Leute werden extrem schnell mit der Realität vertraut gemacht", erzählt der heutige Leiter des Photo Workshop, John Fleetwood, anlässlich der Ausstellungseröffnung vergangene Woche.

"Streetwise" seien sie, nachdem sie in Ghettos oder auf großen Knotenpunkten der Migrationsströme unter nicht ungefährlichen Bedingungen unterwegs waren. Später gehen manche von ihnen in die Kunst, viele finden Jobs in Zeitungen. So wurde etwa Jodi Bieber, eine der ersten Absolventinnen der Schule, eine international preisgekrönte Fotojournalistin.

"Wer ist Mandela?"

Die Arbeiten, die aus dem Workshop herauskommen, sind so verschieden wie ihre Produzenten. Montsikelelo Veleko – eine Absolventin der Generation um die 30 – fand eine ebenfalls dokumentarische, aber auch künstlerische Form für ihre Arbeiten: Sie dokumentiert unter anderem Graffiti aus der Post-Apartheid-Zeit als kulturelle Botschaften. Sie selbst habe als junges Mädchen in einem Township den Namen Nelson Mandelas erstmals auf einer Mauer gelesen: "Da stand Free Mandela und ich überlegte, wer zum Teufel Mandela sei."

Der 1931 geborene David Goldblatt selbst verfügt über eines der größten Fotoarchive, über die Geschichte der Apartheid. Als die Camera Austria dieses 2005 zeigte, war das nicht das erste beeindruckende Archiv von Bildern, die eine herrschende Schicht lieber verstecken würde. 2003 – kurz nach dem Einzug ins Eiserne Haus, an dem die blaue Blase des Kunsthauses klebt – wurden hier erstmals alle Bilder, die der 2002 verstorbene Soziologe Pierre Bourdieu von 1958 bis 1961 in Algerien machte, gezeigt.

Bilder, die jenen Aspekt der Fotografie feiern, den Frisinghelli neben "einer bestimmten Genauigkeit und auch Widerständigkeit" von Bildern ebenso schätzt: "Die Möglichkeit, in einem Sekundenbruchteil des Erfassens den Moment einer wahrhaftigen Beschreibung zu liefern." (Colette M. Schmidt / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.12.2007)