Berlin/Zürich - Der stellvertretende UNO-Vermittler im Kosovo-Konflikt und frühere österreichische Außenamt-Generalsekretär Botschafter Albert Rohan rechnet mit einem Umdenken in Belgrad, sobald es zu einer Unabhängigkeitserklärung der Albanerprovinz gekommen ist. "Die gesamte Belgrader Strategie ist auf eine Verhinderung der Unabhängigkeit ausgerichtet. Wenn sie trotzdem kommt, ist das eine neue Situation. Vielleicht denkt man dann auch in Belgrad an das Wohlergehen der Kosovo-Serben und nicht nur an die eigene strategische Position", sagte Rohan in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) (Freitag-Ausgabe). Dann würden "selbst Blinde erkennen", dass der Plan von UNO-Chefvermittler Martti Ahtisaari, der eine "überwachte" Unabhängigkeit zum Inhalt hat, "das Maximum an Möglichkeiten bietet".

Serbiens Annäherung an die EU sei mit der Kosovo-Frage nicht direkt verbunden, stellte Rohan fest. "Wenn Serbien die Mitgliedschaftsbedingungen erfüllt, hat es ein Recht auf Beitritt. Tut es dies nicht, ist ein Beitritt nicht möglich. Wenn Serbien allerdings weiterhin aktiv die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft und damit besonders jene der EU behindert, dann ist das nicht unbedingt eine Empfehlung für eine Mitgliedschaft. Man kann nicht einem Klub beitreten wollen und gleichzeitig gegen dessen Interessen agieren."

Die "große Schwäche" der EU sei "ihre Uneinheitlichkeit in großen außenpolitischen Fragen", räumte Rohan ein. "Diese Erkenntnis wurde angesichts des Verhaltens Russlands in der Kosovo-Frage wieder einmal sehr deutlich." Neben Zypern, wo "die total unbegründete Furcht" vorherrschen würde, "dass die Unabhängigkeit Kosovos einer Anerkennung von Nordzypern Vorschub leisten" könnte, sei auch Rumänien ablehnend.

"Ein Staatsfragment unter internationaler Aufsicht"

Die derzeit unter UNO-Verwaltung stehende südserbische Albanerprovinz Kosovo würde nach Auffassung des deutschen Völkerrechtlers und Friedensforschers Reinhard Mutz auch nach einer Unabhängigkeitserklärung "auf absehbare Zukunft dasselbe sein wie heute - ein Staatsfragment unter internationaler Aufsicht, ein Protektorat". Nur der Protektor hätte gewechselt, "von der UNO zur EU", sagte der ehemalige wissenschaftliche Direktor des Hamburger Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in einem Interview mit der Berliner Wochenzeitung "Freitag".

Eine weitere Staatsgründung auf dem Balkan sei nur durch "die politische Vernunft der Europäer" zu verhindern, so Mutz. "Billigt die sogenannte Staatengemeinschaft demnächst auch eine Unabhängigkeitserklärung der 'Repulika Srspka' in Bosnien? Wohl kaum. Aber schon, dass solche Frage jetzt massiv auftauchen, macht deutlich, wie widersprüchlich die internationale Balkanpolitik aussieht. Immer hat der Westen beteuert, keiner 'ethnischen Homogenisierung' Vorschub zu leisten. Genau das unternimmt er nun!" (APA)