Die Abkehr vom Bergführer-Prinzip (hier: in Innervillgraten).

Foto: risk 'n 'fun/Martin Lugger
Gruppendynamische Prozesse sind ein Horror. Schon im Seminarraum. Aber richtig fürchterlich, zum Haareausreißen mühsam, werden sie in der freien Natur. Bei umwerfender Fernsicht und 2100 Meter über dem Meer. Nur ist das Meer gerade weit weg und kein Thema. Denn die achtköpfige Gruppe, die da im steirischen Skitourengelände der Planneralm seit einer Dreiviertelstunde diskutiert, will noch weiter hinauf: Acht Figuren mit Skiern an den Füßen oder Snowboards am Rucksack debattieren intensiv darüber, ob sie die nächsten 30 Meter bergauf geradeaus (kleine Kuppe), links (unter einer Wächte vorbei) oder rechts (der Schnee schaut irgendwie anders aus) gehen sollen.

Das ist mühsam. Aber Renato Botte macht keine Anstalten weiterzugehen. Botte ist Bergführer. Er steht nur da, hört zu und fragt, wenn sich jemand umstimmen lässt, ob Überzeugung oder Genervtheit der Grund dafür ist. Als ein junger Boarder "Ich will doch nur powdern!" stöhnt, gibt Botte ihm Recht: "Genau deswegen stehen wir hier. Bis ihr euch entschieden habt."

Neue Rollenspiele

Wäre Bottes Gruppe einfach nur eine Partie Tourengeher, wäre man hier wohl keine Sekunde verweilt. Schließlich sind die Rollen im freien Gelände gut verteilt: Der Bergführer entscheidet, wo es lang geht - die Gruppe folgt. Punkt. Wozu sonst hat man denn einen Bergführer? "Aber hat man den denn wirklich?" blendet sich Luis Töchterle in die Erzählung ein.

Töchterle ist Bundesgeschäftsführer der österreichischen Alpenvereinsjugend. Und er ist schuld daran, dass Botte seine Gruppe diskutieren lässt. Denn die "klassischen" von Bergführern und Alpenverein angebotenen Schulungen zum Thema "alpine Gefahren" erreichen die rapide wachsende Freerideszene einfach nicht: "Wir haben es probiert - und sind damit ganz kläglich gescheitert", gibt Töchterle unumwunden zu.

Doch anstatt die Ignoranz der Jugend zu schelten, sah sich Töchterle nach anderen Konzepten um. Und fand eine Methode, die etwa in der Sucht- und Aidsprävention erfolgreich eingesetzt wird: "Peer-Education" - der gezielte Einsatz von in der Zielgruppe glaubwürdigen Personen als Meinungsbildner. Das sind eher selten kernige Bergführer oder verdiente, gutmeinende Funktionäre - sondern immer Leute aus der Szene. Vorbilder. Heldinnen, wie die österreichische Snowboardolympionikin Gitti Köck etwa. Töchterle: "Die Szene gab es. Die Leute auch. Und wir haben uns 1999 mit ihnen hingesetzt und ein Projekt entwickelt."

Das Paket dazu, das seither in der Freeski- und Boarderszene als "heiß" gilt, nennt sich "Risk & Fun (R 'n' F)". Auftritt und Sprache haben mehr mit MTV als mit dem Alpenverein gemein - und anfangs irritierte vor allem der deutsch-englische Szenesprech ältere Alpinisten. Als aber offenkundig wurde, wie gut die Offpisten-Szene darauf ansprach ("wir haben Wartelisten"), war man rasch stolz, lebenswichtiges Wissen über Schnee, Wetter, Hänge und Ausrüstung nun dort anbringen zu können, wohin man bisher nicht durchdrang.

Allein damit wäre das mit der Abwicklung und der permanenten Adaption des "R 'n' F"-Konzeptes an den Boarder-Zeitgeist betraute Team nicht zufrieden. Schließlich bedeutet Wissen in Gruppen, in denen es um Coolness geht, gar nichts - weil im Rudel nicht das vernünftigste Argument, sondern das spannendste Angebot sticht. Und im freien Gelände ist das eben der geilste "Ride". "Mit dem Zeigefinger zu kommen bringt gar nichts", betont Daniela Tollinger.

Die Risikomanagerin

Tollinger ist Erziehungswissenschafterin. Darüberhinaus ist sie in der Tiroler Boarderszene seit 17 Jahren eine fixe Größe - und auch deshalb mittlerweile Gesamtleiterin von "R 'n' F": "Es geht auch darum zu erkennen, wie sehr die Selbsteinschätzung oft vom tatsächlichen Verhalten abweicht, wenn man in der Gruppe unterwegs ist. Da gehen vielen Leuten die Augen plötzlich ganz weit auf."

Auf der Planneralm entschied sich die Gruppe dann übrigens für die Route rechts an der Kuppe vorbei. Wäre die Entscheidung grundfalsch gewesen, hätte Bergführer Botte interveniert. Ob die anderen Optionen besser gewesen wären? Dazu schwieg er auch danach: "Das war hier nicht der Punkt: Manchmal geht es nur darum zu wissen und begründen zu können, warum man etwas tut. Weil man dann auch weiß, wieso man es manchmal nicht tut - egal, wie geil der Hang dahinter ist. Das ist dann die mutigste, weil allerschwierigste Entscheidung." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD/Printausgabe/7.12.2007)