Belgrad/Pristina - Seit Monaten gibt es in Belgrad ein Schreckensszenario. Der 10. Dezember galt als jener Tag, an dem das Parlament des Kosovo die Unabhängigkeit der UNO-verwalteten Provinz ausrufen wird und sich Einwohner der Serben-Enklaven womöglich unter Druck ihrer albanischen Nachbarn Hals über Kopf auf die Flucht nach Zentralserbien machen werden. Das befürchtete Szenario wird allem Anschein nach an diesem Montag nicht eintreten.

Der 10. Dezember, an dem auch die jüngsten Verhandlungen Belgrads und Pristinas offiziell abgeschlossen sind, dürfte zu einem ganz normalen Tag werden. Die Kosovo-Troika (EU, USA, Russland), die die Verhandlungen in den letzten vier Monaten leitete, stellte am Freitag mit Bedauern fest, dass eine Verhandlungslösung ausgeblieben ist. Hinsichtlich des Status sei keine der beiden Seiten willens gewesen, ihre grundlegenden Positionen aufzugeben, konstatierte die Troika in ihrem Bericht an UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon. Sie sprach auch von einem "außerordentlich wichtigen Schritt vorwärts", weil es die klare Entschlossenheit beider Seiten gebe, auf Gesten zu verzichten, welche die Sicherheit im Kosovo und anderswo gefährden könnten, und sich der Gewalt, Drohungen und Beunruhigungen zu enthalten.

Der serbische Premier Vojislav Kostunica setzte sich unterdessen erneut für die Fortsetzung der Verhandlungen ein. Sie könnten irgendwo im Kosovo aufgenommen und in Serbien weiter geführt werden, meinte Kostunica. Der Chef der Demokratischen Partei Kosovos (PDK), Hashim Thaci, der nach dem Wahlsieg seiner Partei bei der Parlamentswahl Mitte November wahrscheinlich der künftige Premier sein wird, erwiderte mit der knappen Feststellung, dass der Kosovo "zur Unabhängigkeit bereit ist".

"Das Vaterland ruft Dich!"

"Wir werden den Standpunkt des UNO-Generalsekretars und der Europäischen Union zu den sehr langen Verhandlungen abwarten. Die Institutionen des Kosovo werden mit Gewissheit Anfang 2008 den Beschluss im Einvernehmen mit dem politischen Willen seiner Bürger fassen", präzisierte PDK-Generalsekretär Jakup Krasniqi, der inoffiziell als künftiger Parlamentspräsident im Gespräch ist, am Wochenende. Der UNO-Sicherheitsrat soll am 19. Dezember den Troika-Bericht diskutieren.

"Das Vaterland ruft Dich!", steht seit den späten 90er Jahren auf amtlichen Vorladungen, mit denen das serbische Militär die Wehrpflichtigen auffordert, ihren Wehrdienst zu leisten. Seit Wochen lösen solche vorgedruckten Vorladungen landesweit Besorgnis aus. Nach Beteuerungen aus dem Verteidigungsministerium stünden sie allerdings keineswegs mit dem Kosovo, sondern mit den "Planaktivitäten nach den Organisationsänderungen" bei den Streitkräften in Verbindung. Nicht unbemerkt blieb die Tatsache, dass diese Planaktivitäten vermehrt im Dezember und Jänner stattfinden sollen.

Die serbische Regierung hat inzwischen einen Aktionsplan parat, der nach der Ausrufung der einseitigen Unabhängigkeit des Kosovo zur Anwendung kommen soll. Außenminister Vuk Jeremic versicherte dieser Tage wieder einmal, dass Belgrad mit allen diplomatischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Mitteln, Gewalt ausgeschlossen, um den Kosovo ringen wolle. Sehr real ist nach wie vor das Szenario, wonach die im Norden des Kosovo lebenden Serben, die sich seit Juni 1999 weigern, mit den Provinzbehörden in Pristina auch nur in geringfügigsten Fragen zu kooperieren, nach der Ausrufung der Unabhängigkeit des Kosovo selbst den Anschluss ihrer Gemeinden an Serbien verkünden. Der Leiter des Belgrader Balkanfonds für Demokratie, Ivan Vejvoda, zeigte sich am Sonntag zuversichtlich. Er sei überzeugt, dass man auch für die Situation im Nordkosovo eine Lösung finden werde.

"Die Fakten sind Fakten." Und die Fakten würden zeigen, dass der Kosovo längst von Belgrad unabhängig sei, es gelte sie anzuerkennen, meinte Behget Pacolli in einem Gespräch mit einem zentralserbischen TV-Sender am Samstagabend. Der in der Schweiz ansässige Geschäftsmann ist Chef der Allianz Neues Kosovo (AKR), der drittstärksten Kosovo-Partei seit der Parlamentswahl. Die beiden Staaten, Kosovo und Serbien, müssten in Zukunft eng zusammenarbeiten, versicherte der Geschäftsmann in gutem Serbisch gegenüber dem Sender.(APA)