Der Herr Professor – bedächtig und dabei fast schrullig, prinzipiell sympathisch und doch auch angriffig, gelassen und dabei sehr zielstrebig. Alexander Van der Bellen feiert diese Woche sein zehnjähriges Jubiläum als Chef der Grünen – wenn ihn denn seine Partei zum Feiern überreden kann.

Van der Bellen ist derzeit der längstdienende Parteichef in Österreich – und er ist mit Abstand der älteste Parteichef. Im Jänner wird er 64 Jahre alt, da sind die meisten Österreicher bereits in Pension. Zum Vergleich: Alfred Gusenbauer ist 47 Jahre alt, er führt die SPÖ seit fast acht Jahren, Wilhelm Molterer ist 52, ÖVP-Chef ist er seit acht Monaten. Und Van der Bellen denkt nicht ans Aufhören: Mehrfach hat er angekündigt, auch bei der nächsten Nationalratswahl, die regulär 2010 stattfinden sollte, als Spitzenkandidat antreten zu wollen. Widerspruch erntete er damit parteiintern keinen. Viele Grüne denken mit Schrecken an die Zeit nach Van der Bellen, für die Sympathisanten ist der Professor trotz Macken und Alter immer noch das überzeugendste Argument, die Grünen zu wählen. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin, der oder die das grüne Lager zwischen Realos und Fundis, zwischen Bürgerlichen und Linken nicht polarisieren würde, ist derzeit nicht in Sicht.

Seine Stellvertreterin Eva Glawischnig ist mit dem Job der Dritten Nationalratspräsidentin erst einmal versorgt. Sie gilt zwar als logische Nachfolgerin, hat aber längst nicht den ungeteilten Rückhalt in der Partei. Die bürgerlichen Attitüden, mit denen die Parteispitze gerne kokettiert, akzeptiert die Basis an ihm, nicht aber an ihr. Aber noch stellt sich die Frage nicht, glaubt man dem Partei-Sprech.

So jovial und friedfertig sich Van der Bellen gibt, er ist durchaus sehr machtbewusst. Seine Getreuen und Vertrauten hat er abseits der Parteistatuten geschickt an strategisch wichtigen Stellen positioniert: Glawischnig im Parlamentspräsidium, Karl Öllinger als Stellvertreter im Klub, Lothar Lockl in der neuen Funktion als Bundesparteisekretär, Dieter Brosz als Parteistratege ohne offiziellen Auftrag und Peter Pilz als medialen Rundumschlag an der langen Leine.

Zehn Jahre Van der Bellen haben die Grünen geprägt, seit 1997 sind sie zu einer normalen, immer professionelleren, aber vielfach auch als langweilig wahrgenommenen Partei mutiert. Den Aktionismus vergangener Tage gibt es nicht oder kaum mehr, und das ist gut so. Die Erinnerung an den anarchistischen Unterton ist nostalgisch verklärt. Aufbruchsstimmung und Kampfeslust wurden auf vielen Kongressen weggebügelt. Die Mühen des politischen Alltags taten das ihre dazu.

Dennoch, und da sprechen die Wahlergebnisse eine eindeutige Sprache: Van der Bellen hat die Grünen von 4,8 zu aktuell elf Prozent geführt. Das eigentliche Ziel, die Regierungsbeteiligung, haben die Grünen aber nicht erreicht. 2002 wäre es mit der ÖVP fast gegangen, die wandte sich trotz grüner Kompromissbereitschaft doch noch einmal der FPÖ zu. Und der Oktober 2006 ließ eine Koalition rein mathematisch nicht zu, das Fenster zu einer roten Minderheitsregierung trauten sich die Grünen doch nicht zu öffnen.

Für 2010 sind die Grünen aber in einer hervorragenden Position, allerdings nicht aus eigener Anstrengung: SPÖ und ÖVP machen einander derzeit in der Regierung fertig, sie können nicht miteinander, man könnte ihnen sogar unterstellen: Sie hassen einander. Als Alternative zu einer großen Koalition bieten sich nur die Grünen an. Dass sich die ÖVP wieder der FPÖ zuwendet, ist zwar nicht auszuschließen, aus jetziger Sicht aber schwer vorstellbar. Wenn die SPÖ nicht mehr mit der ÖVP will oder die ÖVP nicht mit der SPÖ – und danach schaut es ja aus –, bleiben eigentlich nur die Grünen als Koalitionspartner. Ihnen wäre beides recht, trotz jetziger Rundumschläge. Sie wären dann am Ziel ihrer Träume, müssten nur noch die notwendigen Prozentzahlen in die Verhandlungen mitbringen. Erst dann kann Van der Bellen in Pension gehen, sei es als Vizekanzler oder als ewig Gescheiterter in der Opposition. (Michael Völker/DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2007)