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Da strahlen die Präsidenten: Giorgio Napolitano und Heinz Fischer Ende Juni bei den Wiener Sängerknaben.

Foto: AP/Tatic
Es fehlten ihm die Willensbekundungen der SP-Kulturpolitik.


Wien - Ende Juni weilte Giorgio Napolitano, der italienische Staatspräsident, in Wien. Er wurde unter anderem von Heinz Fischer empfangen, und die beiden Amtskollegen widmeten sich mit ihren Ehefrauen, wie die APA berichtete, "den schönen Künsten": Im Palais Augarten lauschten sie den Wiener Sängerknaben.

Dieser Akt war ein kulturpolitischer. Denn prinzipiell hätte Fischer seinen Gast auch ins Filmmuseum oder Stadtkino ausführen können. Aber nein: Österreich präsentierte sich wieder einmal mit glockenhellen Stimmen, mit repräsentativer Kunst statt mit zeitgenössischem Schaffen.

Diese in der Hofburg gefällte Entscheidung sagt viel über den Stellenwert aus, den die Gegenwartskunst genießt: nur einen in Sonntagsreden. Und weil sie eben ansonsten kaum einen hat, wird am Augartenspitz statt einem Filmkulturzentrum eine Dependance für die Sängerknaben errichtet.

Wie Don Quichotte und Sancho Pansa waren Viennale-Direktor Hans Hurch und Ernst Kieninger, der Chef des Filmarchivs, in die Schlacht gegen den geplanten "Konzertkristall" gezogen. Allerdings mit Nachdruck erst zu einem Zeitpunkt, als das Sängerknaben-Projekt unterschriftsreif war. Hurch/Kieninger hatten daher, als sie im Frühjahr das Ehepaar Ingrid und Christian Reder als Mäzene ihres Filmkulturzentrums präsentierten, einen erheblichen Planungsrückstand. Und den konnten sie nicht wettmachen. Vor allem, weil ihnen kulturpolitische Schützenhilfe der Sozialdemokraten versagt blieb.

Kieninger hatte sich bereits 2000 für den Standort Augartenspitz interessiert. Doch SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny erklärte sich, da das Grundstück dem Bund gehört, für nicht zuständig. Zudem ließ sich Kieninger durch die restaurative Kulturpolitik des damaligen VP-Staatssekretärs Franz Morak entmutigen: Es blieb beim Traum.

Die Gunst der Stunde

Die Sängerknaben hingegen nutzten die Gunst der Jahre - und entwickelten ein eigenes Projekt. Sie hatten zudem einen Finanzier: Der Fondsmanager Peter Pühringer versprach, nicht nur die Errichtungskosten (elf bis zwölf Millionen Euro) zu tragen, sondern für 69 Jahre auch die Betriebskosten (je 700.000 Euro).

Im Frühjahr glaubten Kieninger/Hurch mit den Reders quasi Gleichstand herstellen zu können: Sie forderten eine faire Evaluierung beider Projekte. Diese wurde vom zuständigen Wirtschaftsministerium aber nicht zugesagt, sondern nur in Aussicht gestellt.

Grundlage sollte ein Kriterienkatalog mit den Themen Planungsstand, Wirtschaftlichkeit, künstlerische Bewertung, verkehrstechnische Auswirkung, Anzahl der Veranstaltungen et cetera bilden, den sich laut Sitzungsprotokoll beide Projektwerber wünschten. In der Folge bat Sektionschefin Elisabeth Udolf-Strobl im Kulturministerium um Anregungen und relevante Fragen. Sektionsleiterin Andrea Egger antwortete äußerst ausführlich.

Doch fatalerweise fanden nur wenige Punkte Eingang. Denn für das Wirtschaftsministerium stelle die "Schönheit" eines Projektes kein quantifizierbares Kriterium dar. Und eine kulturpolitische Bewertung hätte, so meint man, gar nichts gebracht: Beide Projekte sind "wertvolle Vorhaben", wie auch Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) eingestehen musste.

Der von wirtschaftlichen Fragen dominierte Katalog wurde den Projektwerbern vor dem Sommer übermittelt. Die Sängerknaben beantworten ihn ausführlichst. Hurch/Kieninger hingegen waren dazu nicht in der Lage: Es scheine ihnen, schrieben sie Ende August, nicht zielführend, ihn als Grundlage für einen fairen Vergleich heranzuziehen.

Hurch/Kieninger beantworteten nicht einmal jene Fragen, die zu beantworten gewesen wären. Denn das Match war nicht zu gewinnen. Aus mehreren Gründen:

Die Reders erklärten sich zwar bereit, die Baukosten in der Höhe von sechs Millionen Euro zu tragen, es fehlt aber eine Finanzierungszusage für den laufenden Betrieb. Der jährliche Fehlbetrag von einer halben Million Euro wäre also, hätte VP-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein dem Filmkulturzentrum den Vorzug gegeben, von der öffentlichen Hand zu tragen gewesen.

Wenn der SP-Kulturpolitik der Film wirklich so wichtig wäre, wie sie behauptet, hätte sie diese Zusage natürlich machen können. Und zwar in Form eines Gesetzes - ähnlich jenem zur Finanzierung der Salzburger Festspiele. Doch ein solcher Schritt kommt der Kulturpolitik offenbar nie in den Sinn. Eine dahingehende Frage an das Schmied-Büro wurde nur mit höhnischem Lachen quittiert. "Ein Gesetz für ein Filmzentrum? Das meinen Sie doch nicht im Ernst?"

Hurch/Kieninger erhielten also keine Unterstützung. Auch nicht von Mailath. Er behauptet zwar, das "Angebot einer anteiligen Finanzierung der Betriebskosten" gemacht zu haben. Doch vorlegen kann er ein solches Angebot nicht. Im April schrieb er lediglich, dass er gerne bereit sei, "im Falle der Entscheidung" zugunsten eines Filmkulturzentrums "rasch Gespräche über eine anteilige Finanzierung der jährlichen Betriebskosten aufzunehmen". Was also wäre gewesen, wenn Bartenstein sein Okay gegeben hätte, die in der Folge "rasch aufgenommenen Gespräche" von Mailath ergebnislos geblieben wären, weil SP-Bürgermeister Michael Häupl schon im März verkündet hatte, dass der Augarten den Sängerknaben gehört? Wer hätte dann Einrichtung und Betrieb finanziert?

Schmied wohl kaum: Sie wies Bartenstein auf die "Knappheit der finanziellen Ressourcen im Kunst- und Kulturbereich" hin. Und sie reagierte auch nicht auf die von Kieninger/Hurch Ende Oktober formulierte Bitte, ihr Projekt mit einer Stellungnahme zu unterstützen, die, "wie uns das Wirtschaftsministerium mehrfach bestätigte, eine maßgebliche Empfehlung für eine Entscheidung" wäre.

Schmied bedauert

Im November informierte Bartenstein Schmied über seine Einschätzung der Situation zugunsten des Sängerknabenprojektes. Selbst in ihrem Antwortschreiben wand sie sich: Sie fände es aus kulturpolitischer Sicht sehr bedauerlich, wenn das Filmzentrum nicht realisiert werden könnte, aber "es handelt sich bei beiden Projekten zweifellos um wertvolle Vorhaben".

Zudem versuchte sie, den Ball weiterzuspielen: Sie halte es für besonders wichtig, der Wiener Position "höchstes Gewicht" zu geben. Dass Häupl für die Sängerknaben eingetreten war: Das muss Schmied gewusst haben.

Da also die kulturpolitischen Willensbekundungen von Mailath wie von Schmied fehlten, war für Bartenstein eine Entscheidung zugunsten des Filmzentrums nicht zu verantworten. Die für die Politik einzig sinnvolle Lösung schien daher nur ein Konsensprojekt. Doch gegen ein solches sprachen sich beide Bewerber aus.

Bartensteins Entscheidung wurde von den Sozialdemokraten daher ohne Kritik zur Kenntnis genommen. Mailath bedauert lediglich, "dass sich nicht beide Projekte verwirklichen lassen". Und SP-Kultursprecherin Christine Muttonen meinte: Zweifelsohne seien die Sängerknaben wichtige kulturelle Botschafter, der Bau eines Konzertsaals daher "gerechtfertigt".

Das Wirtschaftsministerium scheint dennoch um eine befriedigende Lösung bemüht: Man bot Hurch/Kieninger einen Alternativstandort - ebenfalls im Augarten - an. Im Gespräch mit dem Standard erzählten die beiden allerdings nichts davon ... (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.12.2007)