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Echte Misswahlen, wie hier in Deutschland, sind der Traum vieler junger Frauen. Auf dem Weg dorthin lauern aber auch Menschenhändler und Betrüger.

Foto: EPA/Scheidemann
Die Hauptverdächtige soll junge Ausländerinnen unter Gewaltanwendung an prominente Kunden in ganz Europa vermittelt haben.

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Paris/Prag/Wien - Rund 100.000 EU-Bürger fallen in Europa jedes Jahr skrupellosen Menschenhändlern zum Opfer. Laut einem Bericht des Europäischen Parlaments werden meist junge Frauen, viele davon noch gar nicht erwachsen, mit falschen Versprechungen ins Ausland gelockt oder regelrecht verschleppt. Sie werden als moderne Sklaven gehalten und zu Zwangsarbeit, kriminellen Handlungen oder Prostitution gezwungen.

Drehscheibe Wien

Der Polizei in Österreich, Frankreich und in der Tschechischen Republik gelang es nun, einen mutmaßlichen internationalen Prostitutionsring mit Drehscheibe Wien, der als Agentur für Schönheitswettbewerbe getarnt war, zu zerschlagen. Bei der Hauptverdächtigen handelt es sich laut Oberst Gerhard Joszt vom Bundeskriminalamt um eine "alte Bekannte": Cornelia S. (44) wurde bereits 2001 in Monaco wegen Zuhälterei zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt.

Der Fall der falschen "Missmacherin" aus Österreich hatte schon damals europaweit für Aufsehen gesorgt: Cornelia S. und ihr Komplize Franz H. - ein Wiener Nachtclubbesitzer - hatten unter anderem einem Neffen des saudiarabischen Königs Fahd über Jahre junge Frauen zugeführt, wenn der Prinz anlässlich des alljährlichen Formel-1-Grand Prix in einem Luxushotel im Fürstentum Monaco an der Cote d'Azur residierte. Dafür blätterte der Prinz bis zu 4000 Euro pro Besuch hin.

Kleinanzeigen Das Duo lockte Frauen mit Kleinanzeigen in internationalen Zeitungen an, in denen ein Leben in märchenhaften Palästen vorgegaukelt wurde. Auch zwei junge Schönheitsköniginnen aus Wien und Niederösterreich waren 1997 dem Betrug aufgesessen. Beide erhoben schwere Vergewaltigungsvorwürfe gegen den saudischen Prinzen, der sich aber nie gerichtlich verantworten musste.

Nach dem Intermezzo hinter Gittern sollen Franz H. und Cornelia S. wieder auf ihre alten Kontakte zurückgegriffen haben. Was für H. schließlich Anfang 2006 damit endete, dass er erneut eine sechsjährige Chance auf Resozialisierung erhielt. Im Fall Cornelia S. dauerten die Ermittlungen aufgrund des globalen Netzwerkes, das sie sich inzwischen erneut als angebliche Lizenznehmerin einer weltweiten Misswahl aufgebaut hatte, länger. Vor drei Wochen wurde die 44-Jährige im Rahmen einer Polizeiaktion in Waidhofen an der Thaya festgenommen. Auch in Frankreich und in Tschechien gab es Festnahmen.

Fotoshooting In Nanterre gaben zwei gewählte Missen aus Venezuela an, zu Fotoshootings nach Paris eingeladen, dort angekommen, aber sofort mit Gewalt zu Prostitution gezwungen worden zu sein. Die französische Polizei wies dubiose Überweisungen auf ein US-Bankkonto in der Höhe von 1,6 Millionen US-Dollar nach.

Im Zuge von Telefonüberwachungen erhielt die Polizei einen Eindruck der Geschäftsabwicklung: Für 10.000 Euro wurde den Stammkunden, darunter auch prominenten Politikern und Geschäftsleuten, "Full Service" versprochen. Die jungen Frauen wurden per Flugzeug durch ganz Europa "verschickt". Was ihnen mitgegeben wurde, waren entsprechende "Kundenwünsche" und die Zieladressen, meist Zimmernummern in großen, internationalen Hotels. Bei Scheckzahlungen der Freier galt die Anweisung, im Empfängerfeld immer den Namen der Chefin einzutragen.

Cornelia S., in der Branche auch unter dem Decknamen Sarah bekannt, wird durch Aussagen mutmaßlicher Komplizen schwer belastet. Sie selbst bestreitet die Vermittlung von sexuellen Kontakten. (Michael Simoner/DER STANDARD – Printausgabe, 13.12.2007)