Bild nicht mehr verfügbar.

"Bitte draußen warten", hat es, anonymen Vorwürfen zufolge, für Patienten geheißen, deren Operationen wegen der Vorreihung von Privatpatienten verschoben worden sein sollen.

Foto: APA/Fohringer
Ingrid Korosec, Gesundheitssprecherin der Wiener ÖVP, liegen 300 Patienten-Beschwerden wegen langer OP-Wartezeiten vor.

* * *

Nach vier Jahren "Lügengeschichten" gegenüber verzweifelten Patienten habe sie es nicht mehr ausgehalten und den Arbeitsplatz gewechselt. Es sei Teil ihres Alltags gewesen, Patienten quasi vom Operationstisch zu stoßen, weil gerade ein Sonderklassepatient wichtiger gewesen sei. Diese schwerwiegenden Vorwürfe äußerte eine frühere Spitalsangestellte eines Wiener Ordensspitals am Dienstag anonym und mit verzerrter Stimme zunächst im Ö1-"Morgenjournal". Oft seien teure Voruntersuchungen umsonst gemacht worden. Dadurch sei auch den Krankenkassen Schaden entstanden.

Vor allem habe es die Angestellte aber "sehr belastet, weil mir die Menschen leidgetan haben", schildert die Frau später dem Standard. Sie habe ihre Geschichte schließlich der Gesundheitssprecherin der Wiener ÖVP, Ingrid Korosec, erzählt und sich bereit erklärt, dem ORF ein Interview zu geben. "Weil ich etwas ändern möchte", sagt sie. Bei manchen Patienten sei das lange Warten auch gesundheitlich kritisch geworden. "Ich habe in diesen Fällen immer unter der Hand versucht, die Leute in andere Abteilungen oder Spitäler zu schicken."

Die Frau, die anonym bleiben will, war für VP-Gesundheitssprecherin Korosec "eine von Hunderten", die sich über lange OP-Wartezeiten beschwerten. Innerhalb weniger Wochen habe sie im Rahmen einer Aktion zirka 300 Beschwerden von Patienten oder Klinikpersonal wegen langer Wartezeiten auf Augen- oder Orthopädie-Operationen bekommen. Bei der Wiener Patientenanwaltschaft gab es dagegen in einem Jahr "nur zehn bis 15 Beschwerden". "Wenn Sie zahlen, geht es schneller", haben manche Patienten zu hören bekommen", erzählt Korosec.

"Was eh alle wissen" Die meisten Patienten beklagten sich anonym, weil sie schlechtere Behandlungen befürchteten. Die nun geäußerten Vorwürfe sind für Sigrid Pilz, Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, nichts Neues: "Was eh alle wissen, wird jetzt endlich offen ausgesprochen", meint Pilz.

Der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) ist es auf diese Art aber nicht offen genug. ÖÄK-Vizepräsidenten Harald Mayer stoßen die Vorwürfe bitter auf: "Es ist schlechter Stil, sich in einem demokratischen Rechtsstaat der Methoden anonymer Denunzierung zu bedienen, um das österreichische Gesundheitssystem zu beschädigen", so Mayer. Beim Ehrenrat oder der Disziplinarbehörde der ÖÄK könnten "ohne Angst und Vorbehalte" Beobachtungen von ärztlichem Fehlverhalten geäußert werden - in den vergangenen Jahren wurde sogar in fünf Fällen Berufsverbot gegen Ärzte verhängt.

"Ich verstehe, dass sich die Ärztekammer ans Bein gepinkelt fühlt", sagt die Ex-Spitalsangestellte dem Standard. Es könne aber laut ihrem alten Dienstvertrag bis zur Strafverfolgung kommen, wenn sie Interna ihres ehemaligen Arbeitsplatzes verrate, erzählt die Frau. "Es ist eben ein Unterschied, ob ich auf der sicheren Seite sitze und von da aus kritisiere oder ob ich ein kleiner Lohnsklave bin, der weiter im Gesundheitsbereich arbeiten will und muss." Eine abweichende Ärztemeinung kommt übrigens von Karl-Heinz Kux, Direktor der Ärztekammer. Der sagte am Mittwoch: "Es gibt die Zweiklassenmedizin sogar ganz offiziell - weil es die Sonderklasse gibt." (Gudrun Springer/DER STANDARD – Printausgabe, 13.12.2007)