Once upon a time in Rudolfsheim-Fünfhaus: Ennio Morricone dirigiert sein über hundertköpfiges Orchester in der Wiener Stadthalle.

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Ennio Morricone und sein Orchester erhielten in der Wiener Stadthalle stehende Ovationen. Ein großer Abend.


Wien – Dass es Ennio Morricone auf Publikumszuspruch oder auch nur auf Kontakt mit seinen Hörern anlegen würde, kann man nicht gerade behaupten. Nachdem der 79-jährige Maestro allerdings bei seinem ersten Wienkonzert überhaupt in der Stadthalle mehrmals frech mit stehenden Ovationen oder einem von ihm lange sehr konzentriert ignorierten Blumenstrauß konfrontiert worden war, belohnte er seine Fans ganz am Ende doch noch. Während des Zugabenblocks hob er tatsächlich die Hand zum Gruß. Und einmal sah man tatsächlich – schnell, schnell, ach, schade, verpasst! – ein kurzes Lächeln. Sensazionale!

Dabei hätte der bekanntlich bis hin zur zarten Misanthropie scheue Weltmeister der Filmmusik sich gar nicht so sehr beim Dirigieren in seine Partituren vertiefen müssen. Sein über hundertköpfiges, aus Rom mitgebrachtes Stammorchester inklusive Chor kann die Stücke des heutigen Abends ohnehin über die Jahre und Jahrzehnte der Zusammenarbeit auswendig.

Es beachtet den Chef mit Ausnahme der leider sehr weit vorne sitzenden und daher aus Höflichkeit aufmerksam sein müssenden Streicher eher gar nicht. Vor allem die Lausbuben von der Rockerfraktion hinten im rechten Eck mit den hübschen 70er-Jahre-Fönfrisuren und Gitarre, Bass und Schlagzeug passen überhaupt nicht auf, was der Lehrer sagt! Leider kann man ihnen nichts anhaben. Hier sitzt trotz offensichtlicher Langeweile zwischen den Einsätzen nicht nur der Mittelscheitel, sondern auch jeder Handgriff. Also, Maestro, mehr Gelassenheit!

Engelsstimmen

Das Publikum ist es ohnehin. Wir sind von der Musik Morricones von frühester Kindheit an über Generationen in unserer Wahrnehmung von Film und damit auch sehr stark in unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit geprägt. Während kurzzeitig romantischer Lebensabschnitte baden wir in dunkel-flauschigen und immer auch ein wenig wehmütigen, spätromantischen Streicherpassagen und hören glockenhelle Engelsstimmen. Wenn es Wickel gibt, zerreißen schießwütige Gitarrenphrasen die Luft. Bei der Schlacht ums Buffet hören wir immer auch den studierten Trompeter Morricone zum Angriff in einem nicht zu gewinnenden Krieg blasen. Vor der Mathematikprüfung klirrt eisigkalte Musique concrète, und Rösser scharren mit den Hufen.

Heute erstmals live in Wien erinnerte Melodien wie jene aus den Spaghettiwestern "Zwei glorreiche Halunken" oder "Spiel mir das Lied vom Tod" oder aus Filmklassikern wie "Es war einmal in Amerika", "Die Unbestechlichen" oder "Mission" und "Der Clan der Sizilianer" haben wir mittlerweile längst als Botschaften ferner verwandter Seelen im genetischen Code gespeichert. Erkennen heißt immer auch wiedererkennen.

Im Zweifel kann der Saal also (heute gar nicht gespielte) falsche Töne richtig zu Ende denken. Im Zweifel dürften sich aber auch einige im Saal sitzende und aus Cowboy-Kostümen eigentlich längst herausgewachsene harte Kerle ein wenig geärgert haben: Morricone hielt in Wien just den mit glückseligem Zwischenapplaus bedachten "Western"-Teil mit nicht einmal einer halben Stunde und einer dazu präzise im wortlosen Sopran über den imaginierten Pferdestampeden irrlichternden Gesangsdiva äußerst knapp. Das Mundharmonikastück aus "Spiel mir das Lied vom Tod" verweigerte er.

Zum Trost gab es am Ende aus "Sacco und Vanzetti" aber ein gefühlvolles "Here's to You". Das war zum Weinen schön! (Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 14.12.2007)