Wien - "Das ist Schwachsinn", reagiert Dietmar Baumgartner, oberster Kinderärztevertreter Österreichs, auf den Vorschlag, die Anzeigepflicht von Medizinern bei Verdacht auf Kindermisshandlung in Zukunft wieder strenger zu fassen. In der Praxis würde eine solche Verschärfung keine Vorteile bringen, gibt der Bundesfachgruppenobmann der Kinderärzte in der Ärztekammer zu bedenken.

"Dann kommt halt eine Funkstreife zu den verdächtigen Eltern oder Angehörigen. Und weiter? Was sollen die Beamten dann konkret tun?", fragt Baumgartner im Standard-Gespräch. Der von Justizministerin Maria Berger (SPÖ) gemeinsam mit dem Kinderpsychiater Max Friedrich am Mittwoch gemachte Vorschlag würde schlicht und einfach die rechtliche Situation von vor der Liberalisierung des Ärztegesetzes 1998 wiederherstellen.

Stattdessen mehr Geld

Damals habe man wegen der Überlastung der Exekutive mit häuslicher Gewalt die Jugendämter verstärkt in die Pflicht genommen. Dort - und nicht bei der Anzeigepflicht - herrsche jetzt Verbesserungsbedarf: "Die Jugendämter sind chronisch unterbesetzt. Hier muss die Politik Geld in die Hand nehmen."

Auf diese Art könnte etwa verstärkt Sozialarbeit betrieben werden: So wie bei "einem Ehepaar - er Schichtarbeiter - mit einem herzkranken Baby, das viel schrie, in einer sehr kleinen Wohnung", von dem Baumgartner erzählt. Der Vater hatte dem Kind einen Oberschenkelbruch zugefügt. Es stellte sich heraus, dass er davor wochenlang nicht richtig geschlafen hatte: "Nachdem die Familie eine größere Wohnung zugewiesen bekommen hatte, war das Problem gelöst."

Die "Erweiterung und Vereinheitlichung der Anzeigepflicht" werde die "der Gewalt zugrundeliegenden, oftmals sozialen Probleme nicht lösen", verkündeten am Donnerstag auch die österreichischen Kinder- und Jugendanwälte: Eine für BZÖ-Generalsekretär Gerald Grosz "vollkommen unerklärliche" Haltung, die auf "Täter- statt Opferschutz" abziele.

Erfreulich - so Grosz - sei hingegen, dass Ärztekammerpräsident Walter Dorner der "Untersuchungspflicht" von Kindern das Wort geredet habe. Nachwuchs aus Problemfamilien werde selten bis nie einem Arzt vorgestellt, hatte Dorner bemängelt und vorgeschriebene jährliche Checks urgiert. Regelmäßige Kinderarzt-Konsultationen mit finanziellen Anreiz befürwortet auch Baumgartner. Nach einem für den Bezug des erhöhten Kindergelds notwendigen Check mit einem Jahr tue sich in vielen Fällen "ein Untersuchungsloch bis zum Schuleintritt" auf. (Irene Brickner, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Dezember 2007)