Fotografieren lässt sich Takahiro Miyashita, der Designer hinter dem Label Number (N)ine, nicht.

Foto: Hersteller

Seine Trapper-Kreationen sollen für sich selbst stehen.

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Eine Seitenstraße im Tokioter Stadtteil Ebisu. Besonders schick ist die Gegend nicht, Shoppingtempel gibt es keine. Hier soll der Flagshipstore eines der angesagtesten japanischen Labels sein, jener von Number (N)ine. Die Frage ist nur, wo genau?

Bis man die unscheinbare hölzerne Eingangstür als Einlass identifiziert, braucht es einiges. Über schmale Stiegen geht es ins Untergeschoß. Dunkel ist es hier, gruftig. Eine Art Wohnzimmer von jemandem, der sich lieber auf einem ranzigen Kord- als einem ledernen Designersofa ausstreckt. Schwere Ketten liegen in den Vitrinen, Buben mit tiefen Augenringen stehen herum. Sie sehen aus, als sei der Meister des Grunge, Kurt Cobain, in Tokio wieder auferstanden.

"Er ist meine Nummer-eins-Ikone", sagt Takahiro Miyashita, der Designer hinter dem Männermodelabel Number (N)ine. Auf den Plätzen dahinter folgen John Lennon, Neil Young, Jeff Buckley und Johnny Cash. Japanische Musik interessiert den Designer weniger. Das hat er mit vielen seiner Generation gemein. Ins Bild, das man sich im Westen über Mode aus Japan macht, passen nur wenige ihrer Kreationen.

Betont cool

Das Dreigestirn Yohji Yamamoto, Issey Miyake und Rei Kawakubo von Comme des Garçons dominiert hier noch immer das japanische Modebild: komplizierte Falttechniken, körperferne Silhouetten, eine Vorliebe für die Farbe Schwarz. Über diese Assoziationen kann Myung-Il Song nur milde lächeln: Sie war die Erste, die Number (N)ine nach Österreich brachte. In ihrem Geschäft (Song in der Wiener Praterstraße) verkaufte sie die Kreationen des Designers, der sich lieber am Wilden Westen als an fernöstlichen Plissiertechniken orientiert. "Die jüngere und mittlere Generation in Japan blicken modisch in den Westen. Sie sind betont cool und ungemein modern."

Gemeint sind damit Marken wie Cosmic Wonder, Dresscamp oder Designer wie Mihara Yasuhiro, der hierzulande in erster Linie durch seine Sneaker-Kollektion für Puma bekannt ist. Während die Generation vor ihnen noch in einem von der Außenwelt abgeschotteten Japan aufwuchs, ist für diese Designer der Kontakt mit anderen Ästhetiken die normalste Sache der Welt. "Als ich ein Junge war", erzählt Takahiro Miyashita von Number (N)ine "trug ich immer Jeans von Levis. Meine Generation kennt sich bei japanischer Mode nicht sonderlich gut aus."

Schlichtweg perfekt

Trotzdem hat man vieles von Yamamoto und Co gelernt. Nikos Andriopulos, Besitzer der Wiener Boutique "Emis", streicht vor allem den Umgang mit dem Material heraus, der viele japanische Designer von ihren westlichen Kollegen unterscheidet: "Die Verarbeitung ist schlichtweg perfekt. Selten müssen wir Ware zurückschicken." In seinem Geschäft in der Tuchlauben verkauft Andriopulos die Kreationen der bekanntesten japanischen Modedesigner, die jüngere Generation beobachtet er genau: "Leider haben zu wenige von ihnen schon zu einer starken, eigenständigen Identität gefunden."

Takahiro Miyashita von Number (N)ine meint er damit dezidiert nicht. Seit 1996 ist der Designer bereits am japanischen Markt präsent, seit 2004 zeigt er bei den Männermodeschauen in Paris. Sie ziehen regelmäßig die jüngere In-Crowd an - vielleicht weil sie regelmäßig einen musikalischen Aufhänger haben. In der jetzigen Wintersaison sind es die dunklen Lieder von Johnny Cash, für das Frühjahr die Riffe der Akustikgitarre von Neil Young. Ihnen setzt er mit seinen Trapper- und Cowboy-Outfits Denkmäler. Eine historisch-romantisierende, aber auch ungemein moderne Mode.

Ost oder West - keine Kategorie

"Ich frage mich, warum wir eine solch gestörte Beziehung zur Tradition haben. Als in den Zwanzigererjahren des vorigen Jahrhunderts in den USA die Massenproduktion von Kleidung einsetzte, verschwand damit ungeheures Wissen über die Herstellung von Mode. Ich suche das, was damals verlorenging." Fündig wird er in der ausgefeilten Konstruktion seiner Stücke. Ihnen verleiht er einen speziellen Dreh. Musiknoten zieren regelmäßig das Innenfutter seiner Kleidung, die Accessoires mit ihren Messer- und Pistolenmotiven sind darauf abgestimmt. Ein Look für Großstadtcowboys. Ost oder West, das ist keine Kategorie.

"Number (N)ine macht in erster Linie Alltagsmode", sagt Geschäftsfrau Myung-il Song. "Die hohe handwerkliche Qualität hat aber ihren Preis." Im Westen sind erst wenige Kunden bereit, diesen auch zu bezahlen. In Japan selbst ist das anders. Hier hat Mode einen anderen Stellenwert. Davon profitieren die jüngeren Designer - auch wenn sie mit westlichen Vorstellungen, wie Mode aus Japan auszusehen hat, nicht viel am Hut haben. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/14/12/2007)