Welch feiner Stoff umspielt dies zarte Bein. Tartuffe (Michael Maertens), der irrt, wo er nicht andere in die Irre führt: im Begehren. Dessen Ziel: Orgons Frau Elmire (Corinna Kirchhoff).

Foto: Schauspielhaus Zürich
Auf der Bühne erspielt von einem Ensemble wunderbarer Darsteller.
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Was, wenn das Misslingen im Glücken liegt? Wenn, anders, das Wohlgefallen erkauft wird – durch Heuchelei, oder, sanfter, durch Anpassung?
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Die Rede ist von Tartuffe. Genauer: von Matthias Hartmann, dem künftigen Burgtheater-Direktor, der diesen für das Zürcher Publikum des Schauspielhauses ein- und zurichtete. Jubel am Ende, ein Erfolg, wie gewohnt, Matthias Hartmann kennt die Trümpfe zum sicheren Triumph. Jubel am Anfang, Trumpf Nummer eins, souverän gespielt: Maria Becker eröffnet den Abend, Maria Becker, die große Schauspielerin, die 1938 vor den Nationalsozialisten aus Wien ans Zürcher Schauspielhaus floh, dort mit Therese Giese und Brecht und anderen Emigranten Kriegs- und Nachkriegs-Theater-Geschichte erspielte.

Bis 1965 blieb sie in Zürich. Die wohl wichtigsten Jahre, die das Zürcher Schauspielhaus politisch und künstlerisch erlebte, atmen mit ihr auf der Bühne. Und im Rollstuhl. Aus dem heraus sie "Ich gehe" ruft, Orgons Mutter, Madame Pernelle. Was für ein Auftakt. Was für ein erster Lacher.

Die Schiene ist gelegt, mühelos rattert der Abend darauf ins Glück. Vergnüglich holpernd über die gereimte Komik der Übersetzung durch Wolfgang Wiens. Elegant gefedert durch die Nonchalance, mit der ein Ensemble wunderbarster Darstellungskünstler diese, wie nebenhin, fallen lässt auf das Tablett der versilberten Bühne.

Corinna Kirchhoff etwa als Orgons Frau Elmire, ausgezehrte Spiegeltrinkerin im weißen Seidenanzug, von Zeit zu Zeit die notwendige Dosis Tabletten mit der orangen Witwe durch die Kehle spülend: Eine Rolle, in der eine weniger außergewöhnliche Schauspielerin der Verführung zur Kenntlichmachung, zur Outrage, erlegen wäre. Kirchhoff spielt nahezu gestenlos, allein die Linien um ihre Mundwinkel erzählen von den Jahren der Ehe.

Oder Dörte Lyssewski als Hausmädchen Dorine: die dankbarste Rolle, die besten Sätze, als Zentrum allen Handelns wirft Dorine dem verblendeten Hausherrn die Wahrheit wortweise entgegen. Und wie: Im tiefdekolletierten Schwarzen stöckelt Lyssewski netzbestrumpft und energisch durch die Aufräumarbeit. Der hochschwangere Bauch wird erklären, warum gerade sie sich erlaubt, Orgon, den Zahlherrn und Gottesanbeter, Mores zu lehren.

Die Trias der Frauen, die, Schicksalsgöttinnen, das Geschick des Abends entscheiden, rahmt jene zwei Herren ein, um deren Spiel sich seit Molière die Handlung schraubt: Orgon und Tartuffe. Um den wohlhabenden Bürger, Sohn, Vater und Ehemann, der alle Bindungen für den Glauben an eine andere, höhere Macht vernachlässigt. Oder anders: Der die jahrzehntelange Vernachlässigung, deren Spur die Familie zeichnet, nun durch neue, hohe Ziele (vor sich) rechtfertigt.

Und Tartuffe, den religiösen (Ver-)Führer, der Orgons Leben mit "Sinn" und seine eigenen Taschen mit des Gastgebers Geld anfüllt. Darüber hinaus nach dessen Frau Elmire schielt und tastet. Ihre Deutung ist der Schlüssel, mit dem Matthias Hartmann das Haupttor zum Triumphweg aufschließt. Nicht, staubreich, Christ, oder, riskant, Muslim, ist Tartuffe. Sondern Guru einer vagen Weisheit aus dem Osten, angesiedelt zwischen Bhagwan-Osho und Konfuzius.

Kopf stehen

Als Gläubiger darf Tilo Nest seinen von einem sympathischen Bauch gerundeten Körper in den Yoga-Kopfstand verkehren (sicheres, zudem bewunderndes, Lachen!) und geschmeidig weich Qigong-nahe Bewegungsfolgen exerzieren. Befreit aufatmen aber kann vor allem das Publikum, auch ohne Yoga. Nach den anstrengenden Jahren der Infragestellung durch des gebürtigen Zürchers Christoph Marthaler berückende Bühnenkunst darf es beruhigend traditionelles Schauspiel betrachten. Und die Klischees in seinem Kopf humorvoll bestätigt sehen. Ja, die Esoterik. So lächerlich. Ein Artikel von Herbert Schnädelbach im Programmheft, der Zeit entnommen, den Spiegel zitierend, unterstützt nach Kräften die längst gefasste Meinung. "Der Spiegel fand dafür die unübertreffbare Formulierung: 'das Gefühl des Glaubens'. Man nennt das auch 'Spiritualität' und bleibt dabei ebenso undeutlich. Wer es so nennt, meint damit ein Kontrastprogramm zu unserer profanen, von technischen Zwängen beherrschten Alltagswelt", weiß Herr Schnädelbach, was man denkt über unsere Welt. Wissen offenbar wir aufgeklärten Theaterbesucher. Weiß nicht ich.

Daher zurück zum eigentlichen Glück des Abends – dem Schauspiel. Zu Michael Maertens, dem genialen Immer-Spieler, der jede Figur als Rolle in der Rolle anlegt, hinter deren Schicht-um-Schichten sich unauffindbar ein Mensch verbirgt. Tief gekränkt durch den Verrat Elmirens, die, wo er echt begehrt, Liebe ihrerseits nur heuchelt, um ihn zu enttarnen, greift sein Tartuffe nach Materiellem als dem allerletzten Halt. Ein Trostloser.

Es folgt Matthias Hartmanns Trumpf-Finale. Molières Deus ex Machina, der kaiserliche Kommissar, der nur dem einen Heuchler – auf der Bühne – das Erbeutete zuletzt entreißt, tritt aus dem Alpenpanorama in das Silberheim: Ein Schweizer, der dem Schweizer – Orgon – gibt, was ihm der böse Fremde nahm. Der Bund der Bündler hält. Nur einer, Hartmann, weiß auch diesen zu besiegen. Verlustreich und vergnüglich. (Cornelia Niedermeier aus Zürich, DER STANDARD/Printausgabe, 15./16.12.2007)