"Auch aus der Sicht vieler europäischer Länder sind die "Wilden" die Wiener. Aus Wiener Sicht sind wir die Wilden."

"Zum Thema Homosexualität: damals habe ich sicher die falschen Worte gewählt, ich wollte aber niemanden diskriminieren oder beleidigen. Wenn man mit einem Thema schwer umgehen kann – und so geht es mir bis zum heutigen Tag - dann ist es eigentlich besser, man sagt gar nichts mehr."

"Ich bin weder Sheriff noch Hilfssheriff. Und es kommen viele Menschen zu mir, die mich bitten, dafür zu sorgen, dass eine gewisse Sauberkeit und Ordnung gewährleistet wird."

"In der Sicherheitsfrage gibt es kein links und rechts." Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl verteidigt im derStandard.at-Interview mit Manuela Honsig-Erlenburg die "Ordnungswache", die in Graz seit Anfang Dezember kleine Delikte ahndet. Als Grazer "Sheriff" sieht er sich noch lange nicht, schließlich sorge er nur für die Sicherheit der BürgerInnen. Die Unterstellung, am rechten Rand der Wählerstimmen zu fischen, verbittet Nagl sich. Am 20. Jänner wird in Graz der neue Gemeinderat gewählt.

Mit dem Thema Homosexualität kann Nagl "bis zum heutigen Tag" nicht so ganz umgehen, setzt sich aber für Gleichberechtigung ein. Die "Ehe" sei aber als Sakrament Mann und Frau vorbehalten. Die BZÖ-Kampagne "Graz säubern" verurteilt er. Selbst hält er sich in der Zuwandererdebatte an die Mottos "Hart aber herzlich" und "Alles kann Gift sein, auf die Dosis kommt es an."

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derStandard.at: Zwischen Ihnen und Ihrem SPÖ-Herausforderer Walter Ferk gab es in letzter Zeit einige Unstimmigkeit. Zum Beispiel stritten Sie um die Urheberschaft bei der Ordnungswache. Wollen Sie überhaupt noch weiter mit ihm als Vize zusammenarbeiten?

Nagl: Ich verstehe mich gut mit Walter Ferk, auch menschlich. Und – wenn ich jetzt den Wahlkampf mal beiseite lasse – wir haben in den letzten Jahren auch Einiges gemeinsam bewegen können.

derStandard.at: Wer ist jetzt der Urheber der "Ordnungswache"?

Nagl: Das ist ein kindischer Streit, und ich weiß nicht, warum Ferk hier plötzlich meint, dass ich ihm das Sandschauferl weggenommen habe. Ideen haben alle Parteien. Er hat das Ordnungsamt vorgeschlagen und ich habe es umgesetzt. Er war verschnupft, weil er bei der Angelobung nicht dabei war.

derStandard.at: Walter Ferk hat schon gemeint, dass er nur in der Stadtregierung bleiben möchte, wenn er Bürgermeister wird. Machen Sie ihm dann den Vize?

Nagl: Mein Ziel ist, mit der ÖVP wieder stärkste Kraft zu werden. Falls meine Fraktion nicht die Nummer eins in Graz wird, gibt es mich nicht mehr als Bürgermeister. Und auch nicht als Vizebürgermeister.

derStandard.at: Sollten Sie Nummer Eins bleiben, müssen Sie sich aber neue Partner suchen.

Nagl: Ich habe auch schon das letzte Mal alle anderen Parteien aufgefordert, mit uns zusammenzuarbeiten. Das wird auch diesmal der Fall sein. Mit einer Ausnahme, und zwar der FPÖ. Mit Frau Winter möchte ich nicht zusammenarbeiten, wenn sie sich nicht für manche Aussagen entschuldigt.

derStandard.at: Mit dem Grazer BZÖ haben Sie keine Probleme?

Nagl: Das BZÖ hat derzeit eine Größenordnung, bei der ich mir nicht vorstellen kann, dass sie Bedeutung haben werden. Außerdem brauchen wir in der Grazer Stadtpolitik stabile Mehrheiten. Die meisten kommunalpolitischen Entscheidungen benötigen eine Zweidrittelmehrheit.

derStandard.at: Die BZÖ-Kampagne hat allerdings viel Wind aufgewirbelt. Das Bündnis möchte Graz "säubern", agiert mit untergriffigen Plakatsujets, verteilt Besen. Ist hier die Grenze zur Meinungsfreiheit nicht schon überschritten?

Nagl: Wir haben in Graz ja ein Fairnessabkommen geschlossen und haben auch die Kommission, die darauf hinweist, wo es unappetitlich wird. Ich selbst halte mich an dieses Abkommen und versuche, einen positiven Wahlkampf zu führen. Keiner Partei gefällt diese Kampagne "Wir wollen Graz säubern." Wenn es zu deftig wird, melden wir uns zu Wort. Aber ich möchte nicht dauernd darüber reden. Schließlich will ich denen, die absichtlich Menschenrechte verletzen, keine mediale Plattform geben. Ich kann nur die GrazerInnen bitten, diese Menschen nicht in den Gemeinderat zu wählen.

derStandard.at: Wie stehen denn Sie zum Thema Zuwanderung, beziehungsweise was halten Sie vom rigiden Fremdenrechtspaket ihrer Partei?

Nagl: Die Devise beim Fremdenrechtspaket ist "Hart aber herzlich". Es gilt für mich in der Integrationsfrage das Paracelsus-Zitat: "Alles kann Gift sein, auf die Dosis kommt es an." Hier gehört dazu, dass wir klar sagen, wie viele zu uns kommen dürfen und wer zu uns kommen soll. Auch dürfen wir es nicht zulassen, dass die Asylverfahren derart lange dauern. Sie sollten eigentlich innerhalb eines Jahres abgeschlossen sein. Ich habe schon als Vorsitzender der Perspektivengruppe "Integration" etwas gefordert, das mir auch unerlässlich erscheint. Wer immer zu uns kommt, muss ein "Recht auf Arbeit" bekommen. Alles andere ist unmenschlich. In Graz selbst haben wir viele großartige Initativen zur Unterstützung der Integration.

derStandard.at: Graz ist Menschenrechtsstadt. Inwiefern passen Aussagen von Ihnen wie "Der Glaube könnte für Homosexuelle vielleicht dazu führen, dass sie mit dieser Form des Zusammenlebens aufhören" oder Vinzipfarrer Wolfgang Pucher solle mit seinem Orden in die Slowakei ziehen, und nicht hier die Bettelproblematik importieren, zu diesem Grazer Attribut?

Nagl: Ich fange bei Herrn Pucher an: Ich habe klar etwas dagegen, dass wir in Europa das Betteln langsam als Beruf anerkennen. Ich bin für ein Bettelverbot, plädiere aber dafür, dass man auf europäischer Ebene die Probleme der Minderheit der Roma endlich zum Thema macht und löst. Ich bin dafür, den Leuten vor Ort zu helfen, damit sie ihre Kinder in die Schule schicken können und sie nicht zum Betteln mitnehmen müssen. Bildung ist für diese Kinder die einzige Chance.

Zum Thema Homosexualität: damals habe ich sicher die falschen Worte gewählt, ich wollte aber niemanden diskriminieren oder beleidigen. Wenn man mit einem Thema schwer umgehen kann – und so geht es mir bis zum heutigen Tag - dann ist es eigentlich besser, man sagt gar nichts mehr. Ich stehe allerdings dafür, dass Ungerechtigkeiten, die für gleichgeschlechtliche Partnerschaften bestehen, abgeschafft werden. Ich bitte aber auch darum, dass die Bezeichnung Ehe, für gläubige Menschen ist Ehe ein Sakrament, in diesem Zusammenhang nicht gebraucht wird.

derStandard.at: Seit 1. Dezember patrouilliert die Grazer Ordnungswache in der Innenstadt. Haben Sie da nicht auch einer Forderung der FPÖ nachgegeben, die eine Bürgerwehr gründete?

Nagl: Die Freiheitlichen in Graz wollten Bürger bewaffnen. Das Gewaltenmonopol muss aber beim Staat bleiben, dazu habe ich mich immer bekannt. Die Ordnungswache sind BeamtInnen der Stadt Graz auf Basis des Landessicherheitsgesetzes. Und sie kümmert sich in erster Linie um kleinere Bagatelldelikte und straft nicht nur ab, sondern handelt auch präventiv. Die Polizei hat ja anderes zu tun, als sich um den Hundekot zu kümmern.

derStandard.at: Von vielen wird das aber als Sheriffkultur empfunden.

Nagl: Ich bin weder Sheriff noch Hilfssheriff. Und es kommen viele Menschen zu mir, die mich bitten, dafür zu sorgen, dass eine gewisse Sauberkeit und Ordnung gewährleistet wird. Wir sind aber weit weg von einem Polizeistaat. Ich habe in keinster Weise das Gefühl, dass sich irgendjemand eingeschränkt fühlt.

derStandard.at: Versucht die ÖVP hier, Stimmen am rechten Rand zu sammeln?

Nagl: In der Sicherheitsfrage gibt es kein links und rechts.

derStandard.at: Die steirische Politik gilt als aufmüpfig. Was unterscheidet sie von der Bundespolitik?

Nagl: Die Frage bei uns ist immer: Wer sind die Wilden hinterm Semmering? Auch aus der Sicht vieler europäischer Länder sind die "Wilden" die Wiener. Aus Wiener Sicht sind wir die Wilden. Im Moment stört mich allerdings einiges am Stil der steirischen Politik. Wir sollten nicht dafür bekannt sein, dass wir durch diverse provokante Aussagen oder darüber wie "deppert" alle sind, auf uns aufmerksam machen. Was ich mir wünschen würde, ist, dass die Steirer wieder "Vorausdenker" sind und ihr kreatives Potenzial nutzen und von der Steiermark aus nicht nur am Zaun rütteln. (derStandard.at, 17.12.2007)