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Foto: Reuters/Greenpeace
In einem guten Krimi kommt es am Schluss noch einmal ganz anders als erwartet. So war es auch am zwölften Verhandlungstag der Weltklimakonferenz auf Bali, den es eigentlich gar nicht hätte geben sollen. Doch weil eine kleine Gruppe von Ministern am Freitag auch bis tief in die Nacht nicht in der Lage war, letzte Streitpunkte zu klären, ging es am Samstag weiter.

Kern des Streits war die Frage, in welchem Rahmen auch Entwicklungsländer nach 2012 Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen sollen – etwa durch die Deckelung ihrer Emissionen, die in Ländern wie Indien oder China so stark wachsen wie nirgends sonst auf der Welt. Samstagmittag flehte UN- Generalsekretär Ban Ki-moon die Delegierten förmlich an: „Dieser Gipfel darf nicht scheitern.“ Und die Streithähne knickten ein. Es hätte ein Happyend sein können.

Doch stattdessen griff das Gesetz des Krimis: Auftritt der Mörderin, die die erforderliche Einstimmigkeit und damit das Abschlussdokument mit einem Satz kaltmachte, der wie ein Schuss im Plenarsaal nachhallte. „Wir werden den Text zu diesem Zeitpunkt nicht akzeptieren“, erklärte Paula Dobriansky, die Verhandlungsführerin für die Bush-Regierung.

Zwar haben die USA als einziger Industriestaat nicht das Kioto-Abkommen unterzeichnet, sind aber Mitglied der Klimarahmenkonvention – und damit abstimmungsberechtigt. Der Freudentaumel über die Einigung von EU und Entwicklungsländern schlug binnen Sekunden um in aufgestaute Wut: Immer wieder hatten die USA durch die Hintertür versucht, eine Einigung auf Bali zu verhindern.

Sie schürten Streits auf Nebenkriegsschauplätzen und brachten absurde Vorschläge in die Diskussion ein, die vor allem das Ziel hatten, die Delegierten gegeneinander aufzuhetzen. Jetzt war es vielen genug.

„Halten Sie uns nicht auf“

„Die Erklärung der USA ist sehr unwillkommen und entbehrt jeder Grundlage“, erklärte etwa der Umweltminister Papua-Neuguineas, gefolgt von minutenlangen, stehenden Ovationen. Südafrika legte nach: „Wir hatten auf ihre Führungsrolle gehofft, aber wenn sie das schon nicht machen, dann halten Sie uns wenigstens nicht auf.“

Selbst der US-Verbündete Japan erklärte seine Unterstützung für die vorliegende Erklärung. Nach einer halben Stunde hielt Dobriansky es nicht mehr aus: Komplett isoliert, erklärte sie, die USA würden ihre Blockade zurückziehen. Der Gipfel war gerettet.

Das Ergebnis, die „Bali-Roadmap“, ein Fahrplan für zweijährige Verhandlungen über die Zukunft des Kioto-Abkommens, kann sich sehen lassen. Doch nach einem Jahr, in dem das Thema Klimawandel dank den Berichten des Weltklimarats, dem Report des britischen Ökonoms Nicholas Stern und nicht zuletzt des Friedensnobelpreises für den Klimarat und Al Gore so hoch auf der politischen Agenda stand wie vielleicht noch nie, hatten viele mehr erwartet.

So wurde ein auch von Österreich vehement geforderter Korridor zum Abbau von Treibhausgasen – 25 bis 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990 – auf Druck der USA nicht implizit in die Abschlusserklärung aufgenommen. „Die USA sind mit dem klaren Mandat nach Bali gekommen, die Klimaverhandlungen zu torpedieren“, kritisiert Bernhard Obermayr von Greenpeace Österreich. Angesichts des dringend gebotenen Handelns habe Bali ein schwaches Ergebnis geliefert.

Global-2000-Experte Jens Karg befürchtet in der Folge schwere Verhandlungen: „Wir haben nur zwei Jahre, um ein gerechtes Abkommen zu erreichen, das die Industrieländer in die Pflicht nimmt und den Entwicklungsländern bei der Bewältigung der Klimafolgen hilft.“

Was in Bali auf der Strecke geblieben ist, ist die anfängliche gemeinsame Aufbruchsstimmung. „Die Entwicklungsländer sind gesprächsbereit nach Bali gekommen, sie wollten zuhören, aber auch angehört werden“, warnt Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. „Doch eine Handvoll der reichsten Nationen unter Führung der Bush-Regierung hat diese Bereitschaft zerstört.“ Eine „schwere Beleidigung für die ärmsten Menschen der Welt“ nennt Kowalzig das.

Die Nerven lagen blank

Die Nerven lagen zum Ende hin blank: Die Chinesen, zu Beginn der Gespräche als aufgeschlossene Vermittler gefeiert, fuhren den Generalsekretär der UN-Klimarahmenkonvention, Yvo de Boer, im Plenum wegen eines Missverständnisses an: „Wir wissen nicht, ob das eigentlich noch unser Sekretariat ist, das da arbeitet.“ De Boer musste sich unter Tränen rechtfertigen und verließ den Saal. Eine solche Stimmung lässt nichts Gutes für 2008 erwarten, wenn in Polen erstmals im Detail über die Ergebnisse der Roadmap verhandelt wird. (Marc Engelhardt aus Nusa Dua/DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2007)