Die Gesundheitsdebatte in Österreich, im Zeitraffer der letzten vier Wochen: Erst wird der Oberanästhesist des Wiener AKHs gefeuert, weil er angeblich zu viel Zeit in der Privatklinik und zu wenig im öffentlichen Spital verbrachte. Im Zuge der Auseinandersetzung wird klar, dass andere Ordinarii ihre Privatpatienten bevorzugt am AKH behandeln.

Ein paar Tage später erzählt eine Angestellte eines Wiener Ordensspitals anonym, dass sie Patienten, die dem Herrn Primar extra Bares aufs Handerl gaben, auf den OP-Wartelisten (die es offiziell gar nicht gibt) vorreihen musste.

Eine weitere anonyme Beschwerde trifft die psychiatrische Abteilung des Otto-Wagner-Spitals: Patienten würden unter unwürdigen Bedingungen "gehalten" statt gepflegt - der Grund: Personalmangel.

Zufall? Wohl kaum - schon eher der Beleg dafür, dass im österreichischen Gesundheitssystem etwas Grundlegendes nicht stimmt. Diesen Eindruck haben nicht nur viele Patienten, die in Leserbriefen und den Online-Foren der Tageszeitungen und Magazine ihre persönlichen Leidensgeschichten erzählen, das berichten auch viele Ärzte im persönlichen Gespräch - freilich, ohne zitiert werden zu wollen, denn die Angst vor Konsequenzen ist groß.

Tatsächlich hat das Spitalswesen in Österreich gleich mehrere schwerwiegende Probleme. Da ist zum einen der ausgeprägte Föderalismus, der nicht nur hier, aber hier besonders schwer ins Gewicht fällt. Es gibt schlicht und einfach keine bundeseinheitlichen Regelungen, wie viel Ärzte arbeiten müssen, wie viel sie daneben arbeiten dürfen und wie viel sie dafür verdienen sollen. Die Länder haben überall ein gewichtiges Wort mitzureden.

Gerade die Arbeitszeiten sind zum Teil absurd geregelt - was dazu führt, dass die Patienten vielerorts eine voll mit Spitalspersonal besetzte Abteilung maximal von acht bis 14 Uhr erleben - wenn überhaupt. Operiert wird auch hauptsächlich am Vormittag - weil die Herren Primarii (meistens sind es übrigens immer noch Herren, und das ist ein überaus unerfreulicher Nebenaspekt) da schon längst in ihre privaten Kliniken, Ordinationen oder Forschungsfirmen entschwunden sind.

Das führt dazu, dass Infrastrukturengpässe (und damit zum Beispiel OP-Wartezeiten) ohne Not entstehen - und damit dubiose Vorreihungen von Patienten, die privat extra zahlen, erst ermöglichen.

Eines der größeren Probleme in Österreichs Spitälern hat übrigens mit zu viel "privat" zu tun: Wenn Ärzte Privatpatienten in öffentlichen Spitälern behandeln - oder "normale" Patienten animieren, die Behandlung in der Privat-Ordi gegen Privathonorar fortzusetzen - oder wenn Ärzte Präparate, die sie in privaten Firmenbeteiligungen mit-entwickeln, im Spital bewerben, dann ist etwas faul. Nicht zuletzt deshalb, weil hier die Qualität der (Gleich-)Behandlung für alle Patienten undurchschaubar ist.

Der Gesundheitsökonom Christian Köck hat vorgeschlagen, das "Schweizer System" einzuführen: Die Spitalsärzte werden marktgerecht bezahlt und dafür verpflichtet, dem Krankenhaus in vollem Umfang zur Verfügung zu stehen und ihre Praxen auch im gleichen Haus zu haben. Ähnliches gilt in den USA: Wer an der Harvard Medical School lehrt, muss auch an einem Harvard Hospital arbeiten - anderes wäre unvorstellbar.

Ärzte, die ihre Privatpatienten in "ihr" öffentliches Spital bringen, stellen deren Honorare zur Verfügung und bekommen dafür Prämien vom Krankenhaus: Dies wäre für die Spitalserhalter zumindest eine Möglichkeit, auch für jene jüngeren Ärzte zusätzlich Mittel aufzutreiben, die derzeit unter der gnadenlosen Mühle von Schichtdienst plus schlechter Bezahlung leiden.

Das alles wäre denkbar. Nur müssten Österreichs Medizinfunktionäre endlich zugeben, was ohnehin alle wissen: dass die Zwei-Klassen-Medizin in Österreich längst Realität ist. Und vielleicht könnte es einer auch mal Ministerin Kdolsky erzählen, denn die redet immer noch eisern von "pauschalen Diffamierungen". Und das ist das größte Problem. (Petra Stuiber/DER STANDARD – Printausgabe, 18.12.2007)