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Der Vampir wurde erst durch die sich im 18. Jahrhundert formierende Vampyrologie populär - und damit zu einem typischen Beispiel für die Dialektik der Aufklärung.

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... und das Zeitalter der Vernunft habe die irrationalen Ängste der frühen Neuzeit ausgetrieben. Eine wissenschaftliche Tagung trat nun zur kritischen Revision dieser Behauptungen an.

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In den Zwanzigerjahren des 18. Jahrhunderts dringen beunruhigende Gerüchte nach Wien: In den südosteuropäischen Grenzregionen des Habsburgerreiches ist es zu plötzlichen Todesfällen gekommen. Die Betroffenen - zumeist serbische Siedler, die sich dort niedergelassen haben - weisen rätselhafte Krankheitssymptome auf.

Sie haben Schmerzen im Magen-Darm-Trakt und leiden an Hitzewallungen, sie zittern, schreien und träumen von wiederkehrenden Toten. Spätestens vier Tage nach dem Auftreten der ersten Symptome tritt der Tod ein.

Exhumierungen der Leichen sollen den aufkeimenden Verdacht mordender Untoter aufklären. Doch diese Leichen lösen erst recht Panik aus: Die Toten zeigen auch nach mehreren Tagen noch keine Spuren der Verwesung, Haare und Nägel sind nachgewachsen, und aus den Körperöffnungen tritt Blut aus.

Die Dorfbevölkerung greift zur Selbstjustiz: Den Toten wird der Prozess gemacht, sie werden geköpft oder gepfählt und schließlich verbrannt.

Furcht der Eliten

Die Vampirismushysterie erfasste auch die aufgeklärten Zentren des Reiches. "Es ist eine Furcht der Elite vor der Angst der vielen", erklärt Peter J. Bräunlein. Denn der Vampirwahn gefährdet nicht nur das intellektuelle Projekt der Aufklärung, so der an der Universität Freiburg tätige Ethnologe und Religionswissenschafter, sondern auch die rechtliche Ordnung und die Hegemonie der kaiserlichen Zentralmacht an der Reichsgrenze. Militär- und Verwaltungsapparat, Medizin und Theologie schreiten ein, um dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Dass die Furcht vor Vampiren gerade im "Zeitalter der Vernunft" so große Wirkung entfaltete, erscheint nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Schon Christoph Martin Wieland, einer der berühmtesten Schriftsteller der Aufklärung, bemerkte, dass die Epoche "der höchsten Aufklärung immer diejenige war, worin alle Arten von spekulativem Wahnsinn und praktischer Schwärmerei am stärksten im Schwange gingen".

Hier setzten auch die Organisatoren der Tagung "Befürchtungen des 18. Jahrhunderts" an, die Ende vergangener Woche am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien stattfand. Die Befürchtungen der Aufklärung, so Romana Filzmoser und Franz Fillafer, seien keine archaischen Reste vergangener Epochen. Vielmehr handle es sich dabei um Phänomene, die das aufklärerische Erkenntnisstreben selbst produziert.

So wurde etwa der Vampir erst durch die vielen Traktate der sich neu formierenden "Vampyrologie", die das Phänomen wissenschaftlich zu erklären suchte, populär. Der manchmal früher, manchmal später einsetzende Verwesungsprozess, der hier thematisiert wurde, bildet auch den Ausgangspunkt für eine andere Furcht, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts geschürt wurde: jene, lebendig begraben zu werden.

Mediziner in Deutschland und Frankreich sprachen sich damals vehement dafür aus, mit dem Begraben von Toten bis zum Einsetzen der Verwesung zuzuwarten. Denn diese sei das einzige verlässliche Zeichen, an dem man den Scheintod vom "echten Tod" unterscheiden könne. "Panikmache im Dienste der Aufklärung", wie der an der Yeshiva University in New York lehrende Historiker Jeffrey Freedman meint.

Der Ruf der Ärzte nach einer Begräbnisreform forderte, so Freedman, auch offen das aufklärerische Prinzip der religiösen Toleranz heraus. Denn spätestens beim jüdischen Ritualgesetz, das Begräbnisse am Tag des Todes vorschreibt, wurde es für sich als aufgeklärt verstehende Forscher haarig.

Dialektischer Prozess

Beispiele wie dieses zeigen nicht nur, wie widersprüchlich der Prozess der Aufklärung verlief und wie viele neue Probleme bei ihrer Implementierung auftauchten. Sie demonstrieren auch, dass Befürchtungen aller Art ein willkommenes Mittel waren, um die Deutungshoheit der sich formierenden Wissenschaften gegenüber anderen Wissensinstanzen zu unterstreichen. Oder - wie im Fall der bis in die 1750er-Jahre anhaltenden Vampirhysterie - die Autorität der kaiserlichen Zentralmacht.

Denn Kaiserin Maria Theresia wurde es 1755 zu bunt. Als ihr neuerliche Vampirismusfälle zu Ohren kommen, beauftragte sie eine Kommission, ein "kaiserlich-königliches Gesetz zur Ausrottung des Aberglaubens" auszuarbeiten. Körperliche und geistige "Hygienemaßnahmen" vor Ort sollten die rechtliche Offensive ergänzen. Denn die rätselhaften Todesfälle griechisch-orthodoxer Christen gingen, wie medizinische Gutachten erklären konnten, auf exzessiven Branntweingenuss während des rituellen Fastens zurück.

Das Maßnahmenpaket war offenbar erfolgreich: Bereits in den 1770er-Jahren, so Peter Bräunlein, wird es an der kolonialen Peripherie still um den Vampir. In den bürgerlichen Zentren sollte der untote Blutsauger einige Jahrzehnte später jedoch umso erfolgreicher wiederkehren - und in Form der Gothic Novel nunmehr wohlig-domestizierten Schauer verbreiten. (Martina Nußbaumer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 12. 2007)