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Die Freiheit von Schmerz, das weiß der kranke Mann, ist erst dann eine Freiheit wie im Paradies, wenn er vorher einen höllischen Schmerz durchlitten hat. Wenn aber der Schmerz aufgehört hat - wer weiß dann, ob dieses Paradies von Dauer ist? Also schreibt der kranke Mann, ein frühpensionierter Volksschullehrer in dünnbesiedelter schwedischer Landschaft, den furchtbar wunderbaren Satz in sein Notizbuch: "Ich habe mich entschlossen, noch eine Woche zu warten, bevor ich zu hoffen beginne."

So wie dieser Satz ist insgesamt Lars Gustafssons schmaler, in Form von Tagebucheinträgen erzählter Roman "Der Tod eines Bienenzüchters": lakonisch zwar, aber nicht zynisch; und dabei immer changierend zwischen der trotzigen Autonomie des Menschen und seiner hilflosen Ausgesetztheit. Es ist die Lebensbetrachtung eines eigenwilligen Todgeweihten: Lars Lennart Westin hat sich nach der Schließung der örtlichen Schule als Bienenzüchter zurückgezogen.

Und jetzt hat er Krebs. Die Gewissheit über den tödlichen Ausgang indes wird nur schrittweise zugelassen, denn den Brief vom Krankenhaus, der die Diagnose mitteilt, hat unser Patient ungelesen verbrannt. Diese Maßnahme erleichtert gewiss nicht das Leiden, bewahrt aber zwischenzeitlich die Hoffnung, in jedem Fall aber die Selbständigkeit.

Wie es Gustafsson eigen ist, dem philosophischen Kopf unter den Schriftstellern unserer Zeit, so wird hier aus einer traurigen Geschichte kein trauriges Buch. Nein, all das, was hier aufscheint: die Erinnerungen an eine gescheiterte Ehe, an die blass gewordene Berufsroutine und an die um so farbiger werdende Kindheit; die Betrachtungen und Phantasien des Dahinsiechenden in der stillen Natur - all das kommt mit kluger, heiterer Skepsis daher.

Denn Gustafsson beherrscht die Kunst, das Grübeln mit Leichtigkeit und das Diffuse des Lebens mit großer Klarheit zu beschreiben. Als "Der Tod eines Bienenzüchters" Ende des siebziger Jahre in Schweden erschien, bildete das Buch den Abschluss einer losen Reihe von fünf Romanen unter dem Titel "Die Risse in der Mauer". Ähnlich wie seinem kürzlich verstorbenem Landsmann Ingmar Bergman ging es Gustafsson damals darum, gegen die schwedische Botschaft von kollektiver Wohlfahrt und gesellschaftlichem Fortschritt, wie er sagte, "eine individuelle Perspektive aufrechtzuerhalten". Die Kämpfe von damals, die den Schriftsteller nach Amerika übersiedeln ließen, sind lange her; dieses humane, unkitschige Porträt eines Sterbenden aber, der seine Beobachtungen und Einsichten wie Honig aus der Einsamkeit saugt, hat nichts an Eindringlichkeit verloren.

Am Ende kommt der Schmerz natürlich wieder. Der Mann schreibt in sein Notizbuch: "Ich habe gewusst, dass ich nur eine Pause bekommen hatte. Sonderbarerweise habe ich das Gefühl, sie gut genutzt zu haben." So geht es auch dem Leser, wenn er dieses Buch aus der Hand legt. (Johan Schloemann / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.12.2007)