Als vor 18 Jahren die Berliner Mauer fiel, waren Österreicher in tschechischen Augen so etwas wie Deutsche mit menschlichem Antlitz. Inzwischen haben sich Deutsche in allen Meinungsumfragen bergauf, Österreicher bergab bewegt. Eine der Hauptursachen für diese Entwicklung ist die Debatte um das Kernkraftwerk Temelín.

Die Tschechen finden es etwa befremdlich, um wie viel heftiger die Kampagne gegen Temelín als gegen Kraftwerke in anderen Nachbarländern Österreichs ausfällt. Zum Beispiel das ungarische Paks – es ist viel älter und daher gefährlicher als Temelín. Dass aber seine Laufzeit verlängert wurde, war seinerzeit – zufälligerweise gerade als der Streit um Temelín eskalierte – den österreichischen Blättern meistens nur eine Notiz wert.

"Schrott"

Obwohl in etlichen Sicherheitsexpertisen Temelín im europäischen Überblick ganz hoch rangiert, hält die Kronen Zeitung weiterhin am Terminus „Schrott“ fest. Als im Zentrum Prags vor drei Jahren eine kleine Bombe explodierte (im Zusammenhang mit Kämpfen in der israelischen Mafia, die in Prag Kasinos betreibt), stellte die oberösterreichische Initiative „Atomstopp“ in einer Erklärung einen kühnen Zusammenhang her: „Prag brennt – wie sicher kann Temelín sein?“ Hier wurde jedes Augenmaß verloren, und Tschechiens Außenminister Schwarzenberg nannte die Aktivisten zu Recht „Spinner“.

Das Schlimme war, dass diese „Spinner“ mit der Duldung des österreichischen Staates bei den Grenzblockaden rechnen konnten. Als deutsche Aktivisten im Jahre 2000 ihrerseits Blockaden an tschechisch-bayerischen Grenzübergängen angemeldet hatten, verbot sie ein bayerisches Gericht kurzerhand, obwohl die bayerische Politik, sprich CSU, auch nicht gerade tschechenfreundlich agiert. Deutschland ist immerhin ein Rechtsstaat, wo das Recht ohne Rücksicht auf Politik gilt. Österreich ließ – aus tschechischer Sicht – Recht nur dort walten, wo es politisch nicht gefährlich war (etwa mit dem _Polizeieinsatz gegen einen Blockadeversuch des Wiener Opernballs). Prag aber wurde belehrt, dass Grenzblockaden Ausdruck der im Westen üblichen Meinungsfreiheit sind.“

Bananenrepublik wahrgenommen

Vor der Wende sahen durchschnittliche Tschechen in Österreich und Westdeutschland zwei Teile eines großen, erstrebenswerten Kulturkreises. Nach Temelín und den Blockaden ist der Blick differenzierter. Österreich wurde als Bananenrepublik des Westens wahrgenommen. In einer solchen darf man politische Ziele auch mit unerlaubten Mitteln verfolgen, solange sie der Popularität nützen.

Umfragen belegen, dass Österreicher ihren tschechischen Nachbarn schon lange unsympathischer sind als andere Nachbarn. Die tschechische Liebe zu allem Österreichischen (k.u.k. Nostalgie im Sowjetkommunismus, Hilfe für die tschechoslowakischen Flüchtlinge 1968 und danach für die Dissidenten) blieb lange unerwidert. Nach 18 Jahren Freiheit ist die Antipathie beidseitig. Karl Schwarzenberg ist seit langem der erste Österreicher, der auf rationales Handeln in Wien drängt und gegen diesen mitteleuropäischen Unmut handelt. (Daniel Kaiser, DER STANDARD, Printausgabe 21.12.2007)