Mit "Blindlings", einer Mischung aus Albert Camus’ "Der Mythos des Sisyphos" und Peter Weiß’ "Ästhetik des Widerstands", legt Claudio Magris sein Opus magnum vor.

Foto: Peter Peitsch
Wie sehr kann man sich in ein Leben, das man sich aus Geschichtsbüchern zusammengelesen hat, hineinsteigern, dass man es für das eigene hält – und alle anderen es glauben (müssen)? Diese Frage bildet das zentrale Scharnier von Claudio Magris’ Roman Blindlings , der nun zwei Jahre nach der italienischen Originalausgabe auf Deutsch erschienen ist. In ihm wird der Alt-Triestiner Germanistik-Professor a.D., Jg. 1939, bislang bekannt als Mitteleuropäer vom Dienst, zum Ästheten des Widerstands – mit gewissen Globalisierungstendenzen.

Sein flamboyanter Protagonist Salvatore Cippico – "auch Cipiko, Cipiko" – ist Insasse in der psychiatrischen Klinik Barcola bei Triest, was sofort an Franco Basaglia denken lässt, den Vater der offenen Psychiatrie. So offen ist nun die Klapse nicht, in die Cippico geraten ist, auch wenn seine Therapie im Wesentlichen aus einem Endlosmonolog mit dem behandelnden Arzt besteht, dem er seine Vita berichtet, ausgehend von der These, "daß niemand das Leben eines Menschen besser erzählen könne als er selbst".

Ein fatales Eingeständnis des Insassen wie des Autors, denn in mäandernden Bewegungen, die dem Chaosprinzip des mutmaßlich Geisteskranken folgen, kehrt die Erzählung immer wieder zu ihren Knotenpunkten zurück und kreist so im eigenen Bauch: "Blindlings" – wie schon der Titel sagt. Dieser Anspruch auf eine beredt literarische Art brut nervt den braven Leser anfänglich, der z.B. vor Günter Grass zurückscheut und eine straighte Erzählökonomie schätzt; doch schlussendlich saugt der Ich-Text Cippicos den braven Leser in sich hinein.

Die biografischen Fakten machen sich dürr aus auf der Karteikarte des Psychiaters, sind jedoch wild bewegt: "Geboren in Hobart Town in Tasmanien, am 10. 4. 1910. (…) Witwer – kolossaler Irrtum. Verheiratet. (…) festen Beruf, keinen – doch, einen, nämlich Sträfling. Und Verhörter. In der Vergangenheit hat er verschiedene Tätigkeiten ausgeübt." Cippico war Schriftsetzer in der Druckerei der Kommunistischen Partei in Sydney, militanter Aktivist, in Straßenkämpfe verwickelt, aus Australien nach Italien, die Heimat seines Vaters, abgeschoben. Später eingezogen zur faschistischen Besatzungsarmee in Dalmatien, zu den Tito-Partisanen übergelaufen, von den Deutschen im KZ Dachau interniert. 1947 geht er im Auftrag der KPI nach Jugoslawien, um dort den kommunistischen Staat aufbauen zu helfen, um später, nach dem Bruch Titos mit Stalin, als verdächtiges Subjekt auf der berüchtigten Gefängnisinsel Goli Otok interniert zu werden. Von hier gelingt ihm die Flucht, die am Ende ins Irrenhaus führt.

Wer ist der Barbar?

Magris erzählt damit durch sein Sprachrohr Cippico die Katastrophengeschichte der Linken im 20. Jahrhundert, vom Blutgeruch revolutionärer Irrungen, von patriarchalischen Sektenkriegen, vom Gemetzel und vom kreatürlichen Leben im Lager: "Die Geschichte, so lehrte uns die Partei, genauer gesagt, die blutige Vorgeschichte, in der wir leben und leben werden, solange die Welt nicht durch die Revolution am Ende erlöst sein wird, hat ihre tragischen Notwendigkeiten, die Barbarei mit barbarischen Mitteln zu bekämpfen. Und so versteht man nicht mehr, wer der Barbar ist, Tito oder Stalin, wir oder sie, Nelson oder Bonaparte." Für Magris wird Cippico zum Menschen im Plural, ein "Du, der du viele bist, Genosse, das potentiale Du der Grammatik, (…) die internationale Menschheit der Zukunft, du, der du dich immer im falschen Moment auf die falsche Seite gestellt hast." Als Underdog der Revolution, der selbst unter deren Räder kommt, sät Cippico Zwietracht, "kleine Zwistigkeiten und unheilbare Risse" – und versucht zu überleben.

Der Plural ist konsequent: Verwoben mit den Irrfahrten des Cippico sind nämlich nicht nur die Argonautensage, deren Goldenes Vlies zum Dingsymbol für die Jagd nach der revolutionären Erlösung herhalten muss, sondern auch die kuriose – und keineswegs fiktive – Lebensgeschichte von Jørgen Jørgenson (1780–1841). Mit ihm identifiziert sich Magris’ Protagonist derart, dass im Erzählen sie beide zu ein und derselben Person werden, sehr zur Besorgnis des Irrenarztes. Der dänische Seefahrer und Abenteurer Jørgenson gehört nicht nur zu den Gründungsvätern von Hobart in Tasmanien, dem Geburtsort Cippicos.

Nachdem er im Handstreich den dänischen Gouverneur entmachtet hatte, war er auch 1809 für kurze Zeit der selbst proklamierte König von Island, bevor ihn die Besatzung des britischen Schiffes H.M.S. Talbot aus dem Verkehr zog. Nach einem englischen Zwischenspiel als Spion, Trinker und Herumtreiber wurde der Däne schließlich wegen eines kleinen Diebstahls zum Tod durch den Strang verurteilt. Anstatt nach Tyborn, dem berüchtigten Londoner Galgen, wurde er jedoch als Sträfling nach Australien geschickt – eine Begnadigung, die seinerzeit vielen Delinquenten schlimmer als der Tod vorkam. Jørgenson indes landete bizarrerweise in Tasmanien, wo er bald freikam und als honoriges Lokal-Original seine Lebenstage (schriftstellernd) beendete.

Gebrauchsintellektuelle

Was in der Bearbeitung dieses ergiebigen Stoffes durch Magris herausgekommen ist, ist eine postmoderne Mischung aus Albert Camus (Der Mythos des Sisyphos und Der Mensch in der Revolte) sowie Peter Weiß’ Ästhetik des Widerstands. Ein erstaunliches Opus magnum für den italienischen Autor, der als Erfinder und Analytiker des "habsburgischen Mythos in der österreichischen Literatur" germanistische Karriere machte. Der später selbst zum literarischen Mythologen Triests und des Donauraums wurde – und damit eher zum Helden von k.u.k. Nostalgikern als von "Kummerln". Den freilich, notabene, seine Tätigkeit als Glossenautor für den Corriere della Sera auch zum wichtigsten Gebrauchsintellektuellen Italiens neben Umberto Eco machte.

Eco und die Mythen-Maschine seiner Professorenromane sind – auch wenn Magris das nicht gerne hören wird – ein nicht uninteressanter Querverweis. Denn Cippico (Jørgenson) wird bei Magris zu einem Mischmasch: zu Jason ebenso wie einer Art fliegendem Holländer – oder besser gesagt: Dänen/Italiener –, der um die Welt irrt, um Erlösung, d.h. erfolgreiche Revolte und Anerkennung zu finden. Und der wie der legendäre Graf von Saint-Germain historische Ereignisse, die er eigentlich nur gelesen haben kann, in der ersten Person erzählt – etwa wenn er ausruft: "Natürlich war ich in Waterloo dabei, warum zweifeln Sie daran?"

Aus der Strafkolonie Tasmanien lässt nicht nur Kafka grüßen (mit einem starken Hauch von Postkolonialismus, versoffenen Pioniersfrauen und abgeschlachteten Aborigines), sondern ebenso Foucault: Auch Magris’ Mannsbild der westlichen Moderne ist geprägt von Institutionen der Ein- und Ausschließung, dem Zucht- und dem Irrenhaus; es wäre freilich nicht Magris, der "Epiker des Wassers" (so die Literaturwissenschafterin Ernestina Pellegrini), wäre sein Protagonist dabei nicht auch häufig vom Meer umgeben.

Bei so viel eloquenter Opulenz (kongenial: die Übersetzerin) tut man indes gut daran, auch ein wenig Kritik anzumelden. Nicht nur, dass der Roman vielleicht doch straffer hätte ausfallen können. Und ist er mehr als die Trauerarbeit des mitteleuropäischen Bildungsbürgers ob der gescheiterten Revolutionen der Working Classes, zu Zeiten des ideologischen Bankrotts nach 1989, des Fehlens politischer Alternativen (und immerhin ist der Protagonist ein mutmaßlicher Irrer)? Auch Magris’ Anspruch, eine kritisch globalisierte Mythologie des Westens zu schreiben, die von Kopenhagen nach Istrien und von Tasmanien nach Island reicht, wäre zu hinterfragen, schreit er doch förmlich nach der dänischen und australischen Bestsellerliste. Man kann sich freilich auch in den Strudel dieser postmarxistischen Abenteuerliteratur reißen lassen und mit Magris/Cippico sagen: "Ich überlasse mich den Dingen, die ihren Gang gehen." Und wie Cippico auf eine Flucht aus dem Irrenhaus zumindest hypothetisch hoffen. (Clemens Ruthner, DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.12.2007)