Theo (13): Viel zu einmalig und tiefgründig, um als personifizierte Zeitmessmaschine in Pension zu gehen. Foto: Christian Fischer

foto: standard/fischer
Oktober 1994: Als ich Theo kennenlernte, war er ein außergewöhnlich kleiner Mensch. Er lag im Brutkasten, maß 47,5 Zentimeter Länge und behauptete 2570 Gramm Körpergewicht. Neugeborener ging es nicht. Er war seiner geplanten Gegenwärtigkeit im Lichte der Welt stolze 30 Tage voraus. (Ein Vorsprung, den er bis heute nicht eingebüßt haben sollte.) Die Miniaugenlider waren zugeklappt. Der Mund hatte die Ausprägung und die Form eines Gedankenstrichs. Theo tat nur das Notwendigste, das er zum Leben brauchte (Luft holen), aber dies auf eine bewundernswert friedvolle Weise, in einer Gelassenheit, von der sich so mancher Gelassenheits-Ex-Kanzler ordentlich etwas abschneiden hätte können. Theos Anblick löste heftige Reaktionen rund um die Glasglocke aus. Wer ihn so sah, konnte gar nicht anders, als sich zu überlegen, was aus ihm einmal werden würde.

Einer von denen, die so dachten, war ich. Und ich hatte dabei einen journalistischen Hintergedanken, der sogleich in den Vordergrund drängte und rasch den ganzen Kopf besetzte: Wie wäre es, einen Menschen zu beschreiben, der gerade erst begonnen hatte, ein solcher zu sein. Und ein Jahr später wieder, da wäre er dann schon wirklich wer. Und ein Jahr später wieder, da wäre er doppelt so alt wie der, der er gerade noch war. Und ein Jahr später wieder. Und wieder. Und immer wieder. Jedes Jahr. Und jedes Jahr würden Wort- und Fotodokumente sein Gewordensein begleiten, jedes Jahr exklusiv im STANDARD. Dessen Leserpublikum dürfe stellvertretend für die Weltöffentlichkeit am Werdegang eines Neugeborenen Anteil nehmen, dürfe dabei zusehen, wie sich sein Ich entfaltet, wohin es ihn treibt, was ihn prägt, was er erlebt, was ihn beschäftigt, was er erzählt, wie er auf dem Bestehenden aufbaut und sich dennoch jährlich neu erfindet, wie er mit jedem Einzelnen von uns um die Wette reift und altert. Er soll es sein, der für uns die Jahresringe zeichnet. Er soll es sein, der für uns die Vergänglichkeit misst. Er hilft dem Lauf der Zeit auf die Sprünge, macht ihm Beine, stellt ihm sein Schuhwerk zur Verfügung.

Da lag er nun friedlich im Brutkasten. Theo, mein Neffe, mein Auserkorener, mein Held, mein mediales Opfer, mein Vermarktungsobjekt, Instrument meines journalistischen Ehrgeizes. Das Projekt konnte beginnen. Ach ja, eine 47,5 Zentimeter kleine Kleinigkeit war dabei wohl noch zu berücksichtigen: Er! Er musste sich dafür hergeben. Er musste mitspielen. Ich brauchte sein Einverständnis. Ich brauchte sein Jawort. "Theo, ich bin's, dein Onkel", flüsterte ich ihm durch die Glaswand zu: "Nur eine kleine Frage: Lässt du dich von mir jährlich porträtieren?" – Keine Regung, kein Signal. "Theo, wenn du dagegen bist, öffne die Augen. Wenn du dabei bist, dann lasse sie zu." Ich wartete drei Minuten. Die Antwort war eindeutig.

Oktober 2007

Ich: "Theo, was machen wir heuer?" Er: "Ich weiß nicht." Ich: "Ich auch nicht." (Pause.) Ich: "Willst du überhaupt noch?" Er: "Ja, schon, von mir aus." Ich: "Das war aber nicht sehr überzeugend." (Pause.) Ich: "Vielleicht sollten wir ein paar Jahre Pause machen." Er: "Wir könnten ein Interview mit mir machen." Ich: "Das machen wir eh immer. Aber das reicht nicht. Wir brauchen eine Idee, einen anderen Ansatz, eine neue Betrachtungsweise." Er: "Ja." Ich: "Theo, wie wäre es, wenn du heuer deine Geschichte selbst schreibst?" Theo senkt den Blick. Ich: "Schreib einfach, was dir am Herzen liegt." Theo hält den Blick gesenkt. Ich: "Du kannst ruhig Fehler machen, ich bearbeite den Text." Theo hält den Blick gesenkt. Ich: "Du kriegst dafür Zeilenhonorar, wie ein echter Journalist!" Theo hebt den Blick: "Zeilenhonorar?" Ich: "Ja, für jede Zeile, die du schreibst, kriegst du Geld, nicht viel, aber immerhin für jede Zeile." Theo: "Glaubst du, wir können heuer eine Seite mehr haben?"

Oktober 1997

Ich habe Glück. Alles ist gutgegangen. Mein Porträt-Theo ist ein Schelm. Mein Porträt-Theo ist ein Schmähführer. Mein Porträt-Theo erzählt wunderbare Schnurren. Mein Porträt-Theo schiebt eine Wuchtel nach der anderen. Mein Porträt-Theo bringt die Leute zum Lachen. Mein Porträt-Theo ist ein voller Erfolg.

Theo ist drei. Theo ist blond. Theo ist ein hübsches und gescheites Kind. Okay, jedes Kind ist auf seine Weise ein hübsches und gescheites Kind. Aber Theo ist ein öffentlich hübsches und gescheites Kind. Man kennt ihn aus der Zeitung. Seine anonymen Liebhaber sind schon neugierig, wie er heuer wieder hübsch und gescheit sein wird. In wenigen Wochen erscheint er zum vierten Mal auf der Album-Titelseite.

Und, ganz aktuell: Meinen Porträt-Theo, den Dreijährigen, gibt es nun auch in Buchform. Theo und der Rest der Welt. Dafür waren wir im Haus des Meeres bei den Fischen, in Schönbrunn bei den Seelöwen, im Prater bei den roten Autos, in der Küche beim Mixer, am Telefon auf An- und Abruf bereit (Theo: "Na hallo hallo hallo.") und, der Höhepunkt, auf Theos liebste Frage: "Gemma Billa einkaufen?" Ja, natürlich, wir waren Billa einkaufen. Und wie: Die Wurstabteilung lebt von Theos einstudierter Geste des Arm-Entgegenstreckens und Hand-Aufhaltens bei gleichzeitig hungrigem Blick.

Theo ist dort kein Unbekannter. Zumindest eine Verkäuferin weiß, dass es sich bei dem "jungen Mann" um jenen Stammkunden handelt, der kommt, um sich sein Extrawurstblatt abzuholen. Leider ist Theo nicht immer scharf auf Extrawurst. Doch er bringt es einfach nicht übers Herz, das Geschenk zurückzuweisen. Er ahnt natürlich auch, dass man Geschenke nicht weiterschenkt, schon gar nicht im Billa. Aber die Verkäuferin hat das ohnehin nie mitbekommen, wenn er sein Extrawurstblatt dem nächstbesten Kunden formlos in die Hand gedrückt hat. (Manchmal hatte er es vorher schon in den Mund genommen und wie eine Briefmarke angefeuchtet, dann klatschte es so richtig.) Begleitpädagogen sehen so etwas seltsamerweise immer – und kurioserweise nie gern. Bald wurde Theo in rüdem Ton mit einem scharf formulierten Extrawurstblatt- Aushändigungsverbot behaftet. Beim darauffolgenden Mal schleuderte er sein Extrawurstblatt wie eine Frisbee-Scheibe ins Einkaufswageninnere. – Auch das passte ihnen nicht. Mittlerweile steckt er das Geschenk eben wieder in den Mund. Entweder kaut und schluckt er es oder ... – aber das fällt ihnen dann ohnehin bald auf.

Dezember 2002

Soeben ist "Theo, Teil neun" erschienen, das Porträt des Achtjährigen. Erste Gratulationen sind bereits eingelangt. Da ruft mich Theos Vater an: Es gebe da ein Problem. Theo sei todunglücklich – und auf mich, seinen Texter und Interpreten, schlecht zu sprechen, nein, noch schlechter als schlecht, nämlich gar nicht. Er distanziere sich mit Trotz, Wut und Tränen aufs Empfindlichste von einer Passage bezüglich seiner Meerschweinchen Micky und Mausi. Zitatanfang: Als Nachteil dieser Anschaffung erwies sich, dass Theo jetzt alle paar Tage beinahe den Käfig ausmisten müsste. (Am Ende machen es dann doch Mama oder Papa.) Außerdem wird er von Gott und der Welt auf seine Meerschweinchen angesprochen. Viele fragen einfach nur: "Hast du sie lieb?" Theo quält sich stets ein gutherziges "Ja, schon" ab. Im Grunde dürften sie ihm ziemlich egal sein, was auf Gegenseitigkeit beruht. (Einem Meerschweinchen ist 24 Stunden am Tag alles egal.) Zitat -ende. Das Problem: Lüge. Die Meerschweinchen seien ihm alles andere als "ziemlich egal", sie seien ihm wichtig, er habe sie nämlich lieb.

Später entschuldige ich mich und frage ihn, ob das sehr schlimm sei. Ja, das sei es, erwiderte er: "Jetzt glauben nämlich alle, dass ich meine Meerschweinchen nicht lieb hab." Nein, das glauben sie bestimmt nicht, beschwichtige ich. Er: "Doch, du hast es geschrieben. Es steht in der Zeitung." Ich wehre mich: Nein, ich habe geschrieben, die Meerschweinchen "dürften" ihm ziemlich egal sein. "Dürften" sei die Möglichkeitsform. Diese habe lediglich meiner Vermutung Ausdruck verliehen. (...) Theo: "Es – steht – in – der – Zeitung!" Und was machen wir jetzt, frage ich. Theo: "Ausbessern!" – Ich erkläre Theo, dass eine Tageszeitung kein Schulübungsheft sei, dass ich unmöglich von STANDARD-Haushalt zu Haushalt gehen könne (...). Theo: "Ausbessern!!"

Okay, zwei Tage später wurde im Chronik-Teil eine von Theo begehrte Entgegnung veröffentlicht: "(...) Wahr ist vielmehr: Theo liebt seine Meerschweinchen über alles." Frieden.

Oktober 2007

Theo: "Ich habe über die Geschichte, die ich schreiben könnte, nachgedacht." Ich: "Super! Und?" Theo: "Mir ist nichts eingefallen." Ich: "Das ist schlecht." Theo: "Außerdem lesen das dann so viele fremde Leute." Ich: "Das wäre an sich der Sinn." Theo: "Das ist mir aber unangenehm." Ich: "Du meinst, es reicht, wenn deine Lehrer deine Hausübungen lesen." Theo: "Ja, das reicht." Ich: "Das verstehe ich." Theo: "Gut." Ich: "Aber jetzt fällst du um dein Zeilenhonorar um." Theo: "Du kannst es mir ja trotzdem geben."

Oktober 1997

Wir gehen mit dem Dreijährigen noch einmal "Billa einkaufen" und lernen bei der Kassa, wo Theo wildfremde Menschen gerne nach ihren Namen fragt, einen Herrn Viktor kennen. Theo dreht sich kurz von ihm weg und fragt eine andere Kundin: "Wer bist du?" Sie sagt: "Ich bin die Anna. Und wer bist du?" – Theo: "Ich bin der Theo." Kurze Pause, dann beginnt das Spiel. "Und das ist der Herr Viktor!" (Zeigt auf ihn und zupft an seinem Ärmel.) Herr Viktor nickt Anna schüchtern zu, bringt aber kein Wort heraus. Also muss Theo einspringen: "Der Herr Viktor war Billa einkaufen!", erfährt Anna. "Die Anna war auch Billa einkaufen", erfährt Herr Viktor. – Beide lächeln einander verlegen zu. Es funkt offenbar noch immer nicht. Also muss Theo weitermachen. "Was hast du eingekauft?", fragt er die Kundin. Anna: "Milch, Brot und noch ein paar Sachen." Theo zu Herrn Viktor: "Die Anna hat Milch, Brot und noch ein paar Sachen eingekauft. Hast du auch Milch, Brot und noch ein paar Sachen eingekauft?" Herr Viktor: "Ich habe viele Getränke eingekauft." Theo zu Anna: "Der Herr Viktor hat viele Getränke eingekauft. Hast du auch viele Getränke eingekauft?" Anna: "Nein, ich habe keine Getränke eingekauft." Theo (mitleidig) zu Anna: "Der Herr Viktor gibt dir welche." Theo (streng) zu Herrn Viktor: "Du gibst der Anna Getränke. Und die Anna gibt dir Milch, Brot und noch ein paar Sachen." Oder sie tauschen ihre Einkaufwägen. Oder sie packen gleich alles in einen. "Theeeeeooooo?" – Das klingt nach einem vorzeitigen Ende des großen Billa-Kontaktspieles. Schade. Die beiden hätte Theo noch zusammengebracht.

Oktober 2007

Theo ist 13 und sowohl körperlich als auch geistig ziemlich gut drauf. Wenn Ihnen einmal ein Name nicht einfällt, der in den Nachrichten der vergangenen fünf Tage genannt wurde, fragen Sie am besten ihn. Kann ruhig ein aserbaidschanischer Politiker aus der dritten Reihe sein, Theo merkt sich alle. Wenn man seinen Kopf von außen betrachtet, wundert man sich, wo da dieses Monstergedächtnis Platz haben kann.

Er lässt Sie übrigens alle herzlich grüßen. Er bedankt sich, dass Sie ihm über die vielen Jahre hinweg die Treue gehalten haben. Wenn Sie ihn sehen wollen, dann kommen Sie bitte zu einem Heimspiel von SC Mauerbach. Die Chancen, dass aus Theo ein Fußballer wird, sind jedenfalls intakt. Die Schule packt er locker nebenbei. (Würde ich jetzt behaupten, er sei ein Musterschüler, müsste ich nachträglich wieder eine Entgegnung schreiben: Wahr ist vielmehr – Theo ist ein ganz normaler guter Schüler.)

So. Wir werden uns jetzt für ein paar Jahre aus der Öffentlichkeit zurückziehen. (Oder besser: ich ihn.) Das liegt weniger an Theo als an mir. Meinen journalistischen Ehrgeiz hat er längst befriedigt. Als Porträt-Theo hat er sich verselbstständigt. Der echte Theo ist seiner Kunstfigur entschlüpft. Er ist viel geheimnisvoller, als man glauben möchte. Er ist viel zu ernst und tiefgründig, um ewig als Showmaster in der Auslage zu stehen. Er ist zu einmalig, um hier als personifizierte Zeitmessmaschine in Pension zu gehen. Er hat eine Persönlichkeit entwickelt, eine Privatpersönlichkeit, die hier weder in noch zwischen den Zeilen etwas zu suchen hat. Zu viele Menschen gehen uns mit ihrer medialen Präsenz und Dominanz auf die Nerven. Theo wird nicht zu ihnen gehören. Wenn er etwas zu sagen hat, wird er sich melden. Wenn ich es übermitteln darf, dann werde ich es gerne tun. (Daniel Glattauer/ALBUM, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.Dezember 2007)