Die Diskussion des Jahres: Die Marc-Jacobs-Show
"Eine Kostümparty für Freaks", schrieb die eine Großkritikerin, "die Modeschau des Jahres", behauptete die andere. So konträre Meinungen wie nach der letzten Marc-Jacobs-Show in New York (hier zitiert: Suzy Menkes von der International Herald Tribune und Cathy Horyn von der New York Times) hatte man schon lange nicht erlebt. Über Wochen beschimpften sich Blogger in einschlägigen Foren, Anhänger druckten T-Shirts mit den Namen der Kombattanten, Jacobs überlegte, ob er seine Mode überhaupt weiterhin in New York zeigen solle.

Foto: Hersteller

Zur Debatte stand allerdings nicht nur die gezeigte Mode (Schuhe mit verkehrten Stöckeln, Unterwäsche, die darüber getragen wurde, aufgeschlitzte Kleider), sondern auch die Frage, warum der Designer die Showgäste zwei Stunden warten ließ und ob er währenddessen an einer Bar einen Drink genommen hatte. Jacobs Ruf hat der Sturm im Wasserglas jedenfalls nicht geschadet. So oft wie in diesem Jahr wurde der erschlankte Designer sicher noch nie fotografiert. Kleider trug er dabei selten. Auch das sorgte für ausgiebigen Gesprächsstoff. (hil)

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Der Auftritt des Jahres: KHG als Model
Es gibt Menschen, die darüber diskutierten, ob es ein Tabubruch sei, als sich Karl-Heinz Grasser für die italienische Männer-Vogue gemeinsam mit seiner Gemahlin fotografieren ließ. Andere beschäftigte die Frage, warum er zwar einem Shooting für das italienische Hochglanzmagazin zustimmte, als Fotos aus der Serie im deutschen Schwesterblatt Vanity Fair abgedruckt wurden, allerdings den Entrüsteten mimte. Manche stellten sich die Frage, warum KHG zwar seine Brust, aber nicht die Haare im Grübchen dazwischen rasiere.

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In den Zeitungen wurde diskutiert, wie man die Fotos zeigen könne, ohne Schwierigkeiten mit dem Copyright zu kriegen. Bei News fragte man sich, warum der Verfasser des Vanity-Artikels, Karl Wendl, dafür nicht die Erlaubnis seines Arbeitgebers (nämlich News) eingeholt habe. Manche wollten wissen, wie viel Grasser und Gemahlin für ihren Auftritt kassiert hatten. Andere, warum auch deren Tochter auf einem Bild zu sehen sein müsse. Und manche beschäftigte schlichtweg die Frage, wie sie am schnellsten eines der beiden Magazine in die Finger kriegen könnten. Auch sie wollten nämlich mitdiskutieren. (hil)

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Der Wildwuchs des Jahres: Alles kann zur Marke werden
Den Markennamen in großen Lettern auf Pullis oder T-Shirts zu schreiben ist nicht gerade Ausdruck von gutem Geschmack. In den protzigen Neunzigern belebten trotzdem jede Menge solch wandelnder Litfaßsäulen die Straßen. Heute gehen die Unternehmen ein ganz klein wenig subtiler vor. Zum Dolce-&-Gabbana-Pullover (mit kleinem Logo) gibt's das passende Dolce-Handy (mit großem Logo), zur Prada-Tasche die Prada-Gartenschürze, zum Armani-Reisekoffer das entsprechende Armani-Hotel, in dem der Armani-Träger in Armani-Bettwäsche schlafen kann.

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Und in der Früh schmiert man sich die neue pechschwarze Armani-Creme ins Gesicht. Die Geschäftsphilosophie dahinter: Man verkauft nicht mehr Produkte, sondern einen Lifestyle. Für die Unternehmen hat das den Vorteil, dass ihr Geschäftsbereich unendlich ausweitbar ist. Die Gefahr dabei: Irgendwann ist das Profil dahin - denn jeder kann sich mit dem Erwerb eines Gimmicks im Glanz der Marke sonnen. Die Gegenbewegung zur Ausweitung der Markenzone liegt weniger in deren Einschränkung als in deren Verschleierung. Bottega-Veneta-Produkte erkennen nur Insider. Sie gehören derzeit zu den begehrtesten Luxusgütern. (hil)

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Nachwuchs des Jahres: Kiehl's
Bis zum 10. September dieses Jahres war es ziemlich schwierig an Kiehl's Produkte ranzukommen. Aficionados der amerikanischen Kosmetikmarke im Apotheken-Look hatten ihre Strategien: zum Beispiel jene, Bekannten, die nach Amerika reisten, rechtzeitig Einkaufswunschlisten zuzuspielen und flehend ein "Bitte, wenigstens die Blue Astringent Lotion, denn es gibt kein besseres Gesichtswasser" nachzuschießen. Damit ist seit Herbst, L'Oréal sei Dank, Schluss:

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Der Konzern hat das ganze Sortiment nun in die Wiener Tuchlauben 23 gebracht. Bestseller in Österreich: Lip Balm No.1 vor Abyssine Cream und der sanftgelben Creme de Corps. Was Kiehl's aber noch geschafft hat: Dank des im Shop platzierten Motorrads - die Amerikaner haben es seit jeher verstanden, neue Kundensegmente zu mobilisieren - finden auch Männer ihren Weg in den Kosmetikladen, um ihre Augenringe mit Kiehl's Eye Alert zu behandeln oder mit Facial Fuel die energetischen Züge aufzufrischen. Wenn L'Oréal auch keine Zahlen nennen will, so viel geben sie preis: Die Einführung von Kiehl's in Österreich hat die Erwartungen des Konzerns weit übertroffen. (pok)

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Der Trend des Jahres: Ökomode und -kosmetik
Manchmal sind sie aus Bambus, Soja oder Mais gemacht, ganz selten aus Kokosnuss oder Ananas, meistens ganz traditionell aus Baumwolle - allerdings aus streng kontrolliertem Anbau. Kleidungsstücke, die unter dem Label Ökomode daherkommen, sind spätestens seit dem heurigen Jahr keine Randerscheinung mehr. Selbst Markthaie wie H&M oder Levi's haben ihr ökologisches Bewusstsein entdeckt und bieten Menschen, die das Wort "Nachhaltigkeit" für ein Synonym für "besseres Leben" halten, entsprechende Produkte an.

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Diese sehen meist besser aus, als sie klingen. Kein Wunder, sind doch die Vorreiter des Trends meistens ziemlich stilsichere Zeitgenossen. So betreibt U2-Frontmann Bono bereits seit längerem ein Ökolabel (Edun), von Modeschöpferin Stella McCartney gibt es seit vergangenem Jahr eine Öko-Kosmetiklinie (Care), Promis wie Leonardo DiCaprio oder George Clooney betonen bei jeder Gelegenheit, wie wichtig bewusstes Einkaufen ist. Das hat mittlerweile selbst die Luxusindustrie begriffen. Ethische und ökologische Grundsätze eines Unternehmens bestimmen maßgeblich dessen kommerzielle Attraktivität. Sage noch einer, es gebe keinen Fortschritt. (hil/Der Standard/rondo/28/12/2007)

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