Das sind sie eigentlich gewöhnt: von Freund und Feind gejagt zu werden. Die Nomenklatur der Demokraten will von den Clintons wieder einen Sieg, die politischen Gegner, aber auch die jungen Aufsteiger der eigenen Partei möchten sie verhindern. Dadurch polarisieren sie, dominieren aber auch.

Trotzdem ereignet sich in den USA eine neue Aufstellung der beiden Parteien. Bei den Republikanern, weil sich jeder Kandidat, der sich in der Bush-Tradition bewegte, von vornherein ein Verlierer wäre. Bei den Demokraten, weil sie wieder einmal Neuland wagen. Hillary Clinton ist zwar demokratisches Urgestein, trotzdem wäre sie die erste Frau im Präsidentenamt. Barack Obama wiederum wäre der erste Farbige im Weißen Haus. Ein Gemenge, das derzeit jede Umfrage höchst fragwürdig macht. "Kopf an Kopf" kann einen Unterschied von bis zu acht Prozentpunkten bedeuten.

Die erfahrenste Kandidatin ist Hillary Clinton. Sie hat mit ihrem Mann Bill jahrelang einen Provinzstaat regiert, hat acht Jahre im Weißen Haus Weltpolitik erlebt und ist mit einer von ihr initiierten Gesundheitsreform auf die Nase gefallen. Als Senatorin von New York (die Rudolph Giuliani besiegte) hat sie Profil entwickelt. Aber auch jenen Opportunismus, der ihr momentan sehr schadet - in der allgemeinen Euphorie für den Irak-Krieg gewesen zu sein.

Ich habe beide, Hillary und Bill Clinton, bei großen Reden vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos erlebt. Seine Rhetorik ist voller Geschichten, voller Wortwitz. Er kann aber blitzartig ernst und selbstkritisch werden, wenn es um prinzipielle Fragen geht. Sie ist anders. Sie wirkte kontrolliert, jeder Schritt schien eingeübt, die Inhalte ihrer Rede programmatisch aufgebaut - fast klassisch sozialdemokratisch (was in den USA "liberal" heißt), ein ganzes Stück weiter links als Gerhard Schröder, der einen Tag vor ihr sprach.

In ihrer Präsidentschaftskampagne ist Clinton zur Mitte gerückt, betont ihre (schon immer vorhandenen) Kontakte zur "moral majority" und versucht, auf diese Weise mehrheitsfähig zu sein. Barack Obama versucht sich als Gegenfigur zu Clinton: Immer kritisch zum Irak-Krieg, kein Mann des Establishments. Er präsentiert sich so wie Bill Clinton vor seinem Sturm auf Washington. Weshalb diese Wahlkampagne auf demokratischer Seite ein bisschen so wirkt, als kämpften die Clintons untereinander.

Obamas Minus ist seine Unerfahrenheit im Regieren. Er hat keinerlei Exekutiv-Erfahrung, weshalb sich all seine Programme, vor allem die außenpolitischen, im generellen Floskel-Spenden ergehen. Das Gegenteil ist Giuliani, der gegenüber den "Feinden Amerikas" einen noch schärferen Kurs fahren möchte als Bush.

Ein Präsident Obama wäre ein spannendes Kapitel. Gleichzeitig ein für Europa unsicheres. Er kennt den "alten Kontinent" nicht, er hat eine total amerikanische Sozialisierung hinter sich.

Daher wäre eine neuerliche Clinton-Präsidentschaft, wenn auch getragen vom Eigensinn und von der stärkeren ideologischen Bindung Hillarys, eine stabilere Aussicht. Am Irak hätte sie noch jahrelang zu tragen, der Terror kann erneut zuschlagen. Aber die Clintons würden nicht so schnell Krieg führen wie Bush. Und sie würden verlorene Freiheiten wiederherstellen. Angesichts der pakistanischen Tragödie werden die Amerikaner den internationalen Kurs der Clintons sicherlich als Stärke empfinden. So könnten sich Einschätzungen relativ rasch drehen. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2007)