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Brennende (müll-)Barrikaden im Staddteil Pisani

Foto: Reuters/Ciro de Luca
Rom - Auch am Samstag ist es zu Spannungen im Vorort von Neapel Pianura gekommen, in dem eine seit 1996 geschlossene Mülldeponie wieder geöffnet wurde. Rund 200 Demonstranten, die sich gegen die Wiedereröffnung der Deponie wehrten, attackierten einige Polizisten, die Lkw für die Müllabfuhr eskortiert hatten. Die Polizisten wurden mit Steinen und anderen Gegenständen beworfen. Bei den Auseinandersetzungen wurden zwei Personen verletzt.

Die Demonstranten behaupten, dass die Deponie von Pianura, die sich unweit eines Naturschutzgebiets befindet, die öffentliche Gesundheit gefährdet. Sie blockierten aus Protest gegen die chronische Müllkrise die Schienen der Bahnlinie Rom-Neapel in der Nähe der Ortschaft Pozzuoli. Die Züge mussten umgeleitet werden, was zu erheblichen Verspätungen führte.

Molotowcocktails gegen Polizeizentrale

In Pianura griffen wütende Bewohner am Freitagabend eine Polizeikaserne an. Das Gebäude wurde mit Molotowcocktails und Steinen beworfen. Auch ein Journalist des Staatsfernsehens RAI wurde angegriffen, wie italienische Medien berichteten. Rund 100 meist jugendliche Demonstranten marschierten zum Rathaus. Einige besetzten einen Balkon und das Dach, wo sie Transparente entrollten. Demonstranten hängten Puppen, die zuständige Beamte aus der Stadt und der Region darstellen sollten, an Bäumen und Laternen auf.

In Pianura hatten am Donnerstag Arbeiten zur Wiedereröffnung einer seit 1996 geschlossenen Deponie begonnen. Wütende Anrainer hatten die Straßen blockiert, um die Wiedereröffnung zu verhindern. Die Demonstranten versuchten am Freitag die Lkw zu stoppen, die den Unrat in die Deponie transportierten. Sie argumentieren, dass die Deponie eine Gefahr für die Gesundheit der Bewohner der Gegend darstelle.

Regierung verurteilt Gewalttätigkeiten

Die Regierung Prodi verurteilte die Gewalttätigkeiten. Die Bevölkerung müsse Maßnahmen zur Bewältigung der Notstandskrise aktiv unterstützen, mahnte die Regierung. Man müsse "extremistische Gruppen" isolieren, die für die Krawalle verantwortlich seien.

Seit mittlerweile zwei Wochen ist in der süditalienischen Millionenmetropole kein Müll mehr abgeholt worden, weil zur Aufnahme des Abfalls keine Deponie mehr zur Verfügung steht. Über 2.000 Tonnen Unrat türmen sich auf den Straßen. Viele Bürger haben in den vergangenen Tagen damit begonnen, ihren Müll einfach zu verbrennen, was wiederum Sorgen wegen giftigen Rauchs nährte.

Für die Müllkrise werden in einem parlamentarischen Untersuchungsbericht unter anderem Korruption und Unfähigkeit in der 1994 eigens gegründeten Abfallkommission verantwortlich gemacht, die eigentlich die Müllkrise bekämpfen sollte. Umweltminister Antonio Pecoraro Scanio sprach von einer "Ökomafia", ein Hinweis auf die Camorra in Neapel und ihren Einfluss auf die Müllabfuhr.

Die Müllkrise in Neapel und der umliegenden Region Kampanien schwelt schon seit Jahren. Die bestehenden Müllkippen sind überfüllt, betroffene Gemeinden blockieren aber den Bau von neuen Anlagen. Der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano, der selbst aus Neapel stammt, zeigte sich wegen der Lage "alarmiert". Er hatte das Problem nach einem Privatbesuch in seiner Heimatstadt sogar in seiner Neujahrsansprache erwähnt.

Mülltransporte nach Deutschland

In Neapel werden jährlich 1,6 Millionen Tonnen Müll produziert, in der gesamten Region sind es 2,7 Millionen. Nur zehn Prozent davon werden recycelt. Ein Teil des von der Region Kampanien produzierten Mülls wird nach Deutschland transportiert, wo der Unrat verarbeitet und in Strom umgewandelt wird. Italien sei das einzige EU-Land, das seinen Müll exportieren müsse, kritisieren Umweltexperten. (APA)