Bild nicht mehr verfügbar.

Er herzt seine Töchter Malia und Sasha, gibt seiner Frau Michelle einen Kuss, dann setzt er an zur Siegerrede.

Foto: REUTERS/JIM YOUNG
"O-ba-ma!" "O-ba-ma!" "O-ba-ma!" Sie wollen gar nicht mehr aufhören, die Jubelsprechchöre. Es ist abends nach zehn, Barack Obama schreitet auf die Bühne, staatsmännisch ernst, gefeiert wie ein Rockstar. Er herzt seine Töchter Malia und Sasha, gibt seiner Frau Michelle einen Kuss, dann setzt er an zur Siegerrede. Der große Gewinner der Wahlnacht, vielleicht 20-mal benutzt er das Wort, das wie ein roter Faden seine Kampagne bestimmt. Das Wort Hoffnung.

Hoffnung, sagt Obama, sei das Urgestein Amerikas. Sie habe unterlegene Rebellen dazu gebracht, sich gegen die britische Kolonialherrschaft zu stemmen. Sie habe amerikanische GIs im Zweiten Weltkrieg einen Kontinent befreien lassen. Sie habe den Bürgerrechtlern Martin Luther Kings Kraft gegeben, als die sich mit prügelnden Polizisten konfrontiert sahen. Diese Hoffnung, sie werde ihn bis ins Weiße Haus tragen, schließt Obama den Kreis und ruft seinen Anhängern zu: „Sie sagten, dieser Tag würde niemals kommen. Sie sagten, wir legen unsere Latte zu hoch. Aber in dieser Jännernacht, diesem prägenden Moment der Geschichte, habt ihr etwas geschafft, wovon die Zyniker behaupteten, wir würden es niemals schaffen.“

Dass Obama den Caucus in Iowa gewinnen würde, damit hatten die Demoskopen gerechnet. Dass er so überzeugend gewinnt, überrascht sogar seine Fans. Der neue Superstar erzielt fast 38 Prozent der Stimmen, John Edwards kommt auf knapp 30, Hillary Clinton auf gut 29 Prozent.

„Magic versus Machine“ hatten die Medien das Duell Obama kontra Clinton getauft, Zauber gegen Maschine. Wo der jungenhafte Senator aus Chicago Aufbruchstimmung verbreitete, setzte die einstige First Lady auf die Karte Erfahrung, gepaart mit einer gutgeölten Parteimaschine. „Es war ein Votum für den Wandel, und Clinton ist nicht die Kandidatin des Wandels“, doziert David Axelrod, Obamas Manager. Und Rick Wade, ein afroamerikanischer Berater, zitiert die Zweifel der Schwarzen, die bis zuletzt nicht recht glauben wollten, dass das weiße Amerika einem Dunkelhäutigen den Zuschlag geben würde. „Heute haben sich all diese Zweifel erledigt.“

Jungs für Obama, ältere Frauen für Clinton

Es waren die Jungen, die Obama zum Sieg verhalfen. Unter den 17- bis 29-Jährigen schnitt er fünfmal besser ab als Hillary Clinton. Die wiederum wusste die Älteren hinter sich, vor allem ältere Frauen. Aber entscheidend war letztlich, dass es Obama schaffte, mit seiner Frische auch jene zu mobilisieren, die vor vier Jahren noch vorm Fernseher hockten, statt zum Caucus zu gehen. Hatten sich 2004 nur 124.000 Anhänger der Demokraten an der Vorwahl in Iowa beteiligt, so waren es diesmal 239.000.

Noch bevor Obama spricht, gesteht Clinton ihre Niederlage ein. Sie verdeckt den Schmerz, den sie empfinden muss, gratuliert artig, zeichnet das große Bild. Ein Bild, in dem die Demokraten nach den lähmenden Bush-Jahren, nach Al Gores bitterer Niederlage, nach John Kerrys vergeblichem Anlauf endlich auf der Schwelle zum Weißen Haus stehen. „Wir senden eine klare Botschaft aus“, sagt Clinton, „die Botschaft, dass es einen Wechsel geben wird, einen demokratischen Präsidenten ab 2009.“ Nichts von den bitteren Anwürfen, mit denen sie ihren Kontrahenten als Grünschnabel, als politischen Risikofaktor niedergemacht hatte. Sie ist eine gute Verliererin. Flankiert wird sie von Ehemann Bill und von Madeleine Albright, der früheren Außenministerin. Bill Clinton starrt ins Leere, während seine Gattin die Schlappe schönredet.

Noch liegt die Frau, die bis vor zwei Monaten als haushohe Favoritin galt, in den landesweiten Umfragen vorn. Doch Obama hat sich den Schwung geholt, der ihn weiter tragen kann. In New Hampshire, bereits am Dienstag, hofft er davon zu profitieren. Auch in South Carolina, der nächsten wichtigen Vorwahl-Station, einem Südstaat mit einem hohen Anteil farbiger Bewohner, stehen seine Chancen nicht schlecht. Falls er New Hampshire und South Carolina erobert, dürfte ihm die Spitzenkandidatur kaum noch zu nehmen sein.

Edwards bleibt im Rennen

Bleibt die Frage, wohin es John Edwards treibt, den Dritten im Bunde. Sein zweiter Platz in Iowa hat nicht überrascht. Seit vier Jahren rührt der Ex-Anwalt dort die Werbetrommel, ausdauernder als jeder andere Kandidat. Um sein soziales Herz zu demonstrieren, war Edwards zuletzt mit einem Arbeitslosen, einem entlassenen Monteur der Maytag-Waschmaschinenfabrik, durch die Lande gezogen. Es hat sich gelohnt, er bleibt im Rennen.

Für die anderen ist der Marathon zu Ende: Joe Biden, außenpolitisch ein erfahrener Hase, wirft das Handtuch, ebenso sein Senatorenkollege Christopher Dodd. Bill Richardson, ein früherer UN-Botschafter, will es weiter versuchen. Aber all das ist Nebensache, die Schlagzeilen gehören jetzt Obama. Und dem Hauch der Geschichte, der über Iowa weht. Zum ersten Mal hat ein Schwarzer eine Chance, ins Oval Office einzuziehen. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2008)