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Betende in einer niedergebrannten Kirche in einem Slum Nairobis. In den Städten hatte sich die Lage beruhigt, in den ländlichen Provinzen wurden am Wochenende immer noch Tausende vertrieben.

Foto: Reuters
Wo sonst Bauern ihre besten Produkte feilbieten, kampieren seit Tagen tausende Menschen. Vor allem Kikuyu, Angehörige der Volksgruppe des umstrittenen Präsidenten Mwai Kibaki, sind vor Verfolgungen auf dem Land hierher geflohen. Nachdem das Militär die Straße gesichert hat, kamen am Sonntag immer wieder volle Busse mit Vertriebenen aus den Landstrichen aus dem Westen an, wo die Kikuyu eine Minderheit sind. Sie alle erzählen die gleichen Geschichten von einer regelrechten Hetzjagd auf Kikuyu.

Auch Marcus Prior, der für das Welternährungsprogramm in der westkenianischen Stadt Eldoret arbeitet, registriert täglich neue Flüchtlinge, die in Schulen, Polizeistationen und Kirchen Unterschlupf suchen. „Wir brauchen Hochenergienahrung für Kinder, die von Unterernährung bedroht sind“, berichtet Prior. 40 Prozent der Vertriebenen sind Kinder.

Schnelle Hilfe

„Und ihnen muss schnell geholfen werden, weil die Familien ihre Häuser überstürzt verlassen haben, ohne irgendetwas mitzunehmen.“ Zwischen den Kalenjin, die in dieser Region des Rift Valleys die Bevölkerungsmehrheit stellen, und den Kikuyu herrscht seit der Verkündung des umstrittenen Wahlergebnisses zu Gunsten von Präsident Mwai Kibaki offener Krieg. „Die Kikuyu respektieren keine andere Ethnie, keinen von uns“, warnt der Kalenjin-Älteste John Sang. „Wir wollen, dass sie hier verschwinden und dahin zurückgehen, woher sie gekommen sind.“

Grace, eine Studentin aus Mombasa, deren Vater wie Oppositionsführer Raila Odinga Luo und deren Mutter Kikuyu ist, schluchzt hemmungslos ins Telefon: „Meine Mutter lebt seit 30 Jahren in der Nähe von Kisumu, aber jetzt hat man sie als Kikuyu-Hure beschimpft, ihr Geschäft abgefackelt und das Haus niedergerissen. Ich weiß nicht einmal mehr, ob sie noch lebt.“

250.000 Vertriebene

Die UNO spricht von bisher mindestens 250.000 Vertriebenen im Land. Das Welternährungsprogramm schickte am Sonntag 20 voll beladene Lastwagen unter Polizeischutz mit Lebensmitteln aus Mombasa los, um zumindest einen Teil zu versorgen.

Eine politische Einigung zwischen Präsident Kibaki und Oppositionsführer Raila Odinga, der den Wahlsieg für sich in Anspruch nimmt, war unterdessen immer noch nicht in Sicht. Nach zwei Treffen mit US-Staatssekretärin Jendayi Frazer erklärte Odinga zwar seine Bereitschaft, mit Kibaki zu verhandeln – allerdings nur unter internationaler Vermittlung.

Odinga lehnt Regierung der nationalen Einheit ab

Den Vorschlag Kibakis, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden, lehnte Oppositionsführer Raila Odinga zunächst ab. Für ihn ist Kibaki illegal an der Macht. Unterstützung erhielt er von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die Sonntag eine unabhängige Überprüfung des Wahlergebnisses forderte. Am Sonntag bot er Kibaki jedoch eine Regierungsbeteiligung an.

Ghanas Präsident John Kufuor, derzeit auch Vorsitzender der Afrikanischen Union, ließ indes mitteilen, er werde schon am Dienstag nach Kenia fliegen, um zwischen beiden Seiten zu vermitteln. (Marc Engelhardt aus Nairobi, DER STANDARD, Printausgabe 7.1.2008/red)