Kanzler und Vizekanzler fordern einander auf, sich doch zusammenzureißen und endlich einmal Vernunft anzunehmen. Gusenbauer (bzw. sein Sprecher) legt der ÖVP ganz dringlich ans Herz, sich doch an die gemeinsame Verantwortung zu erinnern und das mitzutragen, was beschlossen wurde (Pflegegesetz). Molterer stellt sich ebenfalls auf Betriebsart "Stimme der Vernunft" und appelliert an die SPÖ, sich die Sache mit der Pflegelösung noch einmal zu überlegen, zwecks Verlängerung der Amnestie. Es ist, als hätten die beiden Herren tragbare Fenster mit, um bei diesen hinauszureden. Die Pädagogikwissenschaft bzw. der praktische Umgang mit kleinen Kindern lehrt, dass der direkte Appell an Einsicht und Vernunft nicht selten einen Trotzreflex auslösen. Symmetrische Eskalation ("Du machst das jetzt " - "Nein, mach ich nicht") ist die Folge. Sachlich tritt inzwischen ein österreichischer Zustand ein: Da die gesetzliche Lösung für die Betroffenen zu teuer und zu bürokratisch ist, wird es weiter mehr oder minder außergesetzliche Lösungen geben. Ob die dann bestraft werden, hängt von der Denunziationsfreude der Nachbarn und der Verfolgungslust der Behörden ab. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2008)