Soldaten der 2. marokkanischen Infanteriedivision 1945 im Kleinwalsertal.

Foto: Vorarlberger Landesarchiv

Soziologe und Buchautor Clément Mutombo: "Die meisten Männer sind gegangen, ohne zu wissen, dass sie ein Kind gezeugt haben."

Foto: Sietar Österreich
Der in Österreich lebende afrikanische Soziologe Clément Mutombo hat dieses Thema aufgegriffen. Von Jutta Berger.
* * *
Bregenz - Man schimpfte sie "Negerle", "Marokkanerle", "Negerpuppe". Die Nachkommen von marokkanischen Soldaten und Vorarlbergerinnen hatten im Nachkriegs-Vorarlberg unter ärgsten Anfeindungen und Ausgrenzungen zu leiden. "Der Pfarrer hat von der Kanzel herunter den Kindern gesagt, dass sie mit mir nicht spielen dürfen. Meine Mutter hat er eine Hure genannt." Georg Fritz, Bauer aus Möggers, wird heute noch zornig, wenn er sich an seine Kindheit erinnert. "Wie reagierst du dann als Kind? Du wirst aggressiv, fängst Schlägereien an. So machen sie dich zum Außenseiter."

Der in Wien und Innsbruck lebende Soziologe Clément Mutombo, selbst afrikanischer Herkunft, hat den "vergessenen Kindern" nun ein Buch gewidmet. Weil er den Nachkommen bei der Suche nach marokkanischen Verwandten helfen will und aus wissenschaftlichem Interesse, weil die Beschäftigung mit bikulturellen Nachkommen eine logische Folge seiner Forschungsarbeiten über binationale Partnerschaften sei. Die "soziale Distanz" sieht Mutombo heute wie damals. Mit seinen Interviews will Mutombo auch eine lange verleugnete Tatsache aufzeigen: "Die meisten Kinder entstanden aus Liebesgeschichten, Vergewaltigungen kamen ganz selten vor."

Nur wenige der etwa 200 Nachkommen in Tirol und Vorarlberg kennen ihre Väter. Viele suchen nun nach ihren Wurzeln. Wie Bauer Fritz, der mit knapp 60 Jahren zusammen mit dem Psychologen und Autor Hamid Lechhab den "Marokkanischen Verein" gründete und damit andere ermutigte, zu ihrer Herkunft zu stehen, Kontakte in Marokko zu suchen.

Die Zeit heilt nicht Lechhab, 1962 in Marokko geboren und in Vorarlberg lebend, machte die Thematik 2005 mit seiner Erzählung "Mein Vater ist Marokkaner" erstmals öffentlich. Sein Hauptmotiv: "Das Stillschweigen soll nicht länger andauern." Denn, so der Therapeut in seinem Buch, nicht die Zeit heile alle Wunden, Heilung bringe die "Anerkennung der Traurigkeit dieser Kinder, ihrer Mütter und ihrer Väter".

Clément Mutombo weiß aus seinen Interviews: "Die meisten Männer sind gegangen, ohne zu wissen, dass sie ein Kind gezeugt haben. Die wenigsten haben später davon erfahren." Zu groß war die "Schande" für Frauen und Großeltern, zu groß auch die Angst, die Armee könnte die Kinder holen und zur Adoption freigeben. "Ob diese Angst begründet war, weiß ich nicht" (Mutombo).

Was den Soziologen irritiert: "Außerhalb von Vorarlberg ist die Thematik vollkommen unbekannt, die Leute sind ja völlig isoliert." Mit seinem Buch, das bis auf den (leider unredigierten) Interviewteil in Französisch verfasst ist, will Mutombo Behörden und Wissenschaft in Frankreich aufmerksam machen. Kürzlich präsentierte er das Buch in Paris vor Lektorinnen und bei einem Round Table der Arbeitsstelle für Österreichisch-Französische Beziehungen der Diplomatischen Akademie in Wien. Mutombo: "Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, jeder Tag reduziert die Wahrscheinlichkeit, den Vater noch lebend zu finden."

Behördenhilfe wäre bei der Suche nach den Vätern dringend erwünscht, sagt Karin Fritz, Historikerin und Vorarlberger Landtagsabgeordnete der Grünen, die Vereinsmitglieder bei ihrer mühsamen Spurensuche in Marokko begleitet hat. Fritz: "In Frankreich dauert die Archivsperre 70 Jahre, die Leute haben keine Chance, Auskunft zu bekommen." Für Fritz wäre eine "sorgfältige historische Aufarbeitung längst an der Zeit". Eine Meinung, die Mutombo teilt: "Ich wünschte mir aber, dass die Thematik in ihrer europäischen Dimension gesehen wird." (Jutta Berger/DER STANDARD-Printausgabe, 8.1.2008)