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Seipel: bartlos, aber nicht zahnlos.

Foto: APA/KHM/Formanek
Kein Lob mehr für die neue Kulturministerin: Wilfried Seipel beendete, nachdem Claudia Schmied seinen Vertrag nicht um das von ihm erhoffte Ehrenjahr verlängert hatte, den Schmusekurs. Er nutzte seinen pompösen Neujahrsempfang, den letzten, den er, wie er in seiner Ansprache wehmütig betonte, als Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums durchführen durfte, vielmehr zu einer Abrechnung. Ungeachtet dessen, ob dies die zahlreich erschienenen Exzellenzen überhaupt interessierte.

Denn Seipel bezog Stellung – im Sinne eines Abwehrkampfes – zur Reform der Bundesmuseen, die Schmied im Herbst zur Diskussion stellte. Und behauptete, keck als Frage verbrämt, dass "eine Entwicklung ausschließlich um ihrer selbst willen eingeleitet" werde, "die inzwischen Bewährtes gewollt oder ungewollt aus den Angeln zu heben" drohe.

Dass vom Ministerium unter SP-Führung erneuert werden müsse, "koste es was auch immer", ist für ihn evident: "Diskussionsrunden mit anerkannten und unerkannten Mediatoren mit einem nur schwer nachvollziehbaren Erlebnishorizont museumsspezifischer Fragestellungen – wer von diesen Experten hat jemals längere Zeit ein Museum von innen gesehen, geschweige denn geleitet? – versuchen einen Diskussionsprozess in Gang zu setzen, den eigentlich niemand will."

Abgesehen davon, dass Seipel die drei Moderatoren – Dieter Bogner zum Beispiel genießt weltweit einen exzellenten Ruf als Museumsplaner und -berater – in Misskredit zu bringen versucht: Wer ist eigentlich niemand?

Vielleicht ist Wilfried Seipel selbst niemand: Um, wie Odysseus, dem scheinbaren Feind das Auge durchbohren zu können. Unerschrocken stellt er sich: nicht mehr um sein Überleben kämpfend, aber für die Seinen, seine Museumsdirektorenkollegen. Niemand wolle, sagte er, den Diskussionsprozess – außer die bösen Medien: Sie seien es, "die uns alle, vor allem aber das Ministerium und dessen gut meinende Wegbereiter einer Museumsrevolution, wie es sie seit Jahrzehnten nicht gegeben hat, vor sich hertreiben. Dazu ein bisschen Querschusspolitik vom Kunsthistorikerverband" – und fertig sei "das Chaos, bereitet aus leeren Worthülsen, amerikanisierter Museology und selbstgerechtem Besserwissertum".

All dies – inklusive der Prophezeiung, dass "der angestrebte Weg nach vorne im besten Fall zurück, im schlimmsten nirgendwohin" führe, behauptete der KHM-Chef freilich wider jedes bessere Wissen. Denn eine Reform wird seit Jahren gefordert. Von Fachleuten wie Politikern. Weil sich die Direktoren seit der sukzessiven Ausgliederung ihrer Häuser vor fünf bis acht Jahren gegenseitig Konkurrenz machen, weil sie ihre Häuser gegen das Profil programmieren, weil sie sich – wie Seipel – Eigenmächtigkeiten erlaubten. Und weil das Ministerium, das die Zügel aus der Hand gegeben hatte, machtlos war.

Die drei Moderatoren Sabine Breitwieser, Martin Fritz und Dieter Bogner analysieren dies in ihrem Grundsatzpapier, das sie zusammen mit Sektionschef Michael Franz verfassten, schonungslos: Autonomie könne "sich nur entwickeln, wenn es klare Spielregeln zwischen dem Eigentümer, dem zuständigen Aufsichtsorgan und der Geschäftsführung der einzelnen Häuser gibt. Sie sind die unabdingbare Voraussetzung für rasche und transparente Entscheidungswege. In diesem Bereich bestehen derzeit schwerwiegende Mängel."

Sie sind zu beheben. Auch wenn es Seipel und den Seinen nicht passt. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.1.2008)