Angenommen, die Frau, von der wir reden, wurde Rechtsanwältin, nachdem sie einige Jahre gemeinnützige Arbeit geleistet hat, heiratete dann einen Firmenanwalt und ist Mutter von zwei kleinen Mädchen, die jetzt neun und sechs Jahre alt sind. Als Tochter einer weißen Amerikanerin und eines schwarzafrikanischen Vaters - was sie in diesem rassenbewussten Land zu einer Schwarzen macht - bewährt sie sich acht Jahre als Abgeordnete und wird zu einer inspirierenden Stimme für die nationale Einheit.

Seien wir ehrlich: Glauben Sie, dass das die Biografie von jemandem ist, der in den Senat der USA gewählt werden kann? Und glauben Sie, dass dieser Jemand nach weniger als einer Amtszeit im Senat eine brauchbare Kandidatin für die Führung des mächtigsten Landes der Welt abgeben würde?

Wenn Sie auf beide Fragen mit Nein antworten, wären Sie nicht allein. Die Geschlechtszugehörigkeit ist wahrscheinlich die am stärksten einschränkende Kraft in Amerika, wenn es darum geht, wer in die Küche gehört oder wer ins Weiße Haus einzieht. Dieses Land rangiert in der Liste jener Länder, die Frauen in höchste Positionen wählen, auf einem der untersten Plätze, und laut einer Studie polarisiert es Gender-Rollen im Schnitt mehr als andere Demokratien.

Das ist auch der Grund, warum die Vorwahlen in Iowa exakt dem historischen Muster folgen, das hier unter Wandel verstanden wird. Schwarze Männer erhielten das Wahlrecht, ehe Frauen jedweder Ethnie ein halbes Jahrhundert später das Recht zugestanden wurde, ihr Kreuz in der Wahlzelle zu machen, und sie sind eher in Machtpositionen aufgestiegen - von Militär bis Konzernführung - als Frauen (sieht man vielleicht, was Unnehmen betrifft, von einigen folgsamen Familienmitgliedern im Aufsichtsrat ab).

Als Schwarze erledigt

Wenn die oben beschriebene Rechtsanwältin zwar ebenso viel Charisma besäße, aber nicht Barack, sondern Achola Obama hieße, dann wäre sie schon längst erledigt. Wahrlich, weder sie noch Hillary Clinton könnten im Stil von Mr. Obama - oder auch wie Bill Clinton - auftreten, ohne dass sie die Experten in Washington als überemotional kritisieren würden.

Warum also wird die Geschlechterhürde nicht ebenso ernstgenommen wie jene der Rassen? Die Gründe sind so allgegenwärtig wie die Luft, die wir atmen: Weil Sexismus noch immer mit etwas Wesenhaftem, Naturgegebenem verwechselt wird, so wie das auch beim Rassismus einmal der Fall war. Weil alles, was Männer betrifft, nach wie vor als ernsthafter betrachtet wird als das, was "nur" die weibliche Hälfte der Menschheit betrifft.

Weil Kinder immer noch mehrheitlich von Frauen großgezogen werden und Männer anscheinend speziell dazu neigen, in der Auseinandersetzung mit starken Frauen zu regredieren und in die Kindheit zurückzufallen. Weil der Rassismus so lange das Stereotyp vom "maskulinen" schwarzen Mann behauptet hat, dass einige Weiße diesen als Bestätigung der Maskulinität begrüßen (solange es nicht zu viele von ihnen gibt). Und weil es immer noch keine "richtige" Art und Weise gibt, als Frau öffentliche Macht zu verkörpern, ohne abgekanzelt zu werden.

Ich spreche hier nicht einem Wettbewerb der Benachteiligten das Wort. Die Kastensysteme auf der Grundlage von Geschlecht und Rasse stehen in gegenseitiger Abhängigkeit und können nur gemeinsam ausgerottet werden. Aus diesem Grund müssen Senatorin Clinton und Senator Obama auch darauf achten und es keinesfalls zulassen, dass eine gesunde Debatte in jene Feindseligkeit kippt, die die Medien so lieben.

Beide werden eine Koalition von Außenseitern brauchen, um die Wahlen zu gewinnen. Die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei und die Frauenrechtsbewegung sind vorangekommen, als sie sich verbündeten, und wurden durch Spaltung geschwächt, das sollten wir nicht vergessen. Ich unterstütze Senatorin Clinton, weil sie Erfahrung in kommunaler Aufbauarbeit hat. Das hat Obama auch, aber sie hat länger im Senat gedient und hatte ein beispielloses On-the-job-Training von acht Jahren im Weißen Haus.

Zweierlei Maß

Sie muss sich nicht in Maskulinität beweisen und vermag als Vorbild ein riesiges Potenzial an Führungsstärken in diesem Land zu erschließen. Und sie hat den Mut bewiesen, die Nur-nicht-weinen-Regel zu brechen. Ich bin nicht gegen Mr. Obama. Wenn er nominiert wird, werde ich mich ihm anschließen. Nebstbei bemerkt: Um mit dem Mist aufzuräumen, den Präsident Bush hinterlässt, bedarf es womöglich zweier Amtszeiten von Präsidentin Clinton und zwei von Präsident Obama.

Was mir aber Sorgen macht, ist, dass Obama aufgrund seiner Rassenzugehörigkeit als einigend wahrgenommen wird, Hillary hingegen aufgrund ihres Geschlechts als spaltend.

Sorgen macht mir, dass ihr vorgeworfen wir, die "Gender-Karte auszuspielen", wenn sie die Altherrenpartie zitiert, und er als Mann des Ausgleichs gilt, wenn er sich auf den Kampf um die Bürgerrechte bezieht. Sorgen macht mir, dass männliche Wähler in Iowa als neutral in Gender-Fragen betrachtet wurden, als sie einen der Ihrigen wählten, weibliche Wähler hingegen als voreingenommen, wenn sie das Gleiche taten, und als illoyal, wenn nicht.

Was mir Sorgen macht, ist die Tatsache, dass Reporter keine Notiz davon nahmen, dass auch Obama auf Altbewährtes zurückgreift - siehe etwa den oftmals bemühten Vergleich seiner Wahlkampagne mit jener von John F. Kennedy -, während sie gleichzeitig niemals der Verleumdung entgegentraten, dass ihre fortschrittliche Politik Teil des Washingtoner Establishments sei.

Kein Entkommen

Was mich außerdem beunruhigt, ist, dass anscheinend einige Frauen, möglicherweise speziell jüngere, hoffen, dem sexuellen Kastensystem zu entkommen, indem sie es in Abrede stellen. In Iowa ist die Quote der Frauen über fünfzig und sechzig Jahre, die Senatorin Clinton gewählt haben, unverhältnismäßig hoch - was wiederum ein Beleg dafür ist, dass Frauen eine spezielle Gruppe repräsentieren, die sich mit zunehmendem Alter radikalisiert.

Dieses Land kann es sich einfach nicht länger leisten, seine Führungskräfte aus einem Reservoir an Talenten auszuwählen, das hinsichtlich Geschlecht, Rasse, Geld, mächtiger Väter und Titel eingeschränkt ist. Es ist an der Zeit, darauf stolz sein zu können, alle Barrieren gleichermaßen zu überwinden. Wir müssen zu einer klaren Ansage fähig sein: "Ich unterstütze sie, weil sie eine große Präsidentin sein wird und weil sie eine Frau ist."

Reaktionen auf den Text von Gloria Steinem

Es ging eine Träne auf Reisen ... ... kam aber in zahlreichen amerikanischen Medien nicht gut an: Ein Querschnitt durch Erwiderungen von US-Kommentatoren auf Gloria Steinem, die deren Applaus für Hillary Clintons Gefühlsausbruch ebenso wenig nachvollziehen können wie ihre Sexismusargumentation.

Steve Chapman schreibt im Magazin "Reason":

Ihre Tränen waren nicht "mutig", sondern genauso wie ihre Siegesrede Ausdruck einer neuen Verkaufsstrategie. Statt ihres obligaten Business-Anzugs trug sie eine blumig gemusterte Brokatjacke, die ihre Weiblichkeit betonen sollte, schwadronierte über ihr "volles Herz" und darüber, dass sie nun "ihre eigene Stimme gefunden" habe. 60 Jahre alt, mit allen Wassern der Erfahrung im Dienst der Umgestaltung der Nation gewaschen - und dann findet sie erst jetzt ihre Stimme? Ich denke, sie hat eher einen neuen Weg gefunden, ihr wahres Ich zu verschleiern.

"Slate"-Kolumnist Timothy Noah sieht in Steinems Text einen "unglaubwürdigen Rechtfertigungsversuch":

Die richtige Feststellung, dass es nicht um einen "Wettbewerb der Benachteiligten gehen könne", wird durch ihre gleichzeitige Hochstilisierung der Gender-Frage zum Nummer-eins-Problem der Nation Lügen gestraft. Amerikas Hauptproblem ist die Armut - und wenn man schon danach fragen würde, ob es wichtiger wäre, die Benachteiligung von Frauen zu bekämpfen oder die der Farbigen, dann würde ich vor diesem Hintergrund sagen: Letzteres, da derzeit 26 Prozent der Afroamerikaner unter der Armutsgrenze leben - aber nur 14 Prozent der Frauen ...

Ich kann auch Steinems beiläufige Bemerkung nicht durchgehen lassen, dass Frauen in Aufsichtsräten äußerstenfalls nur dann vor Farbigen der Vorzug gegeben wird, wenn sie "folgsame Mitglieder der Familie" sind. Wenn Steinem glaubt, Katharine Graham, die ehemalige Präsidentin der Washington Post Company (mein Arbeitgeber), herabwürdigen zu müssen, ist das ihr Problem. Wie aber passt diese Behauptung etwa zu Steinems Bewunderung für Clintons "achtjähriges 'Trainig-on-the-Job' im Weißen Haus"? Hillary war bekanntlich nur die "Gattin des Präsidenten" - und nie in einer Position, die es ihr erlaubt hätte, unabhängig von ihrem Gatten zu agieren. Wenn einen das nicht zu einem "folgsamen Familienzugehörigen" macht, dann weiß ich nicht ...

Ann Friedman, 25-jährige Redakteurin des Frauenportals feministing.com. hält Steinems "Radikalität" für altbacken:

Ich glaube nicht, dass es frauenfeindlich, antifeministisch oder gar "postfeministisch" ist (was immer das bedeuten mag), den vaginalen Lackmustest zu verweigern und einfach den Kandidaten zu unterstützen, den man für das Amt des Präsidenten am geeignetsten hält - unabhängig vom Geschlecht.

Manche Äußerungen aus der etablierten Führungsgarde der Frauenbewegung sind mir unerträglich. Wenn etwa jemand wie Kim Gandy der Kritik an Clintons Zustimmung zum Irak-Krieg entgegenhält, dass dies kein Votum für die Invasion sondern nur für die Ermächtigung des Präsidenten gewesen sei, und man dies nicht gegen ihre lebenslange wichtige politische Arbeit ausspielen dürfe, wird mir schlecht. Steinem aber teilt offenbar diese verengte feministische Sicht, wenn sie schreibt, dass ältere Frauen, die Hillary unterstützen, auch die radikaleren sind. Ich und viele andere jungen Feministinnen haben da ein ganz anderes Verständnis von Radikalität ...

Was für den liberal-konservativen Kolumnisten Andrew Sullivan entscheidend ist:

Hillary und Steinem instrumentalisieren den Feminismus. Obama transzendiert ihn.

(DER STANDARD, Print, 12./13.1.2008, Dokumentation: Mischa Jäger, der hier publizierte Beitrag erschien von Gloria Steinem erstmals in der "New York Times" © Übersetzung: Elisabeth Loibl)