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Seit kurzem designt Van Assche auch für Frauen.

Foto: APA/AP/Christophe Ena

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Sein angestammtes Metier ist aber die Herrenmode.

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Ob Melonen, Schirmmützen oder Zylinder: Kris Van Assche zaubert die Zukunft aus dem Hut. Auf der letztjährigen Männermodemesse Pitti in Florenz widmete der belgische Designer dem aus der Zeit gefallenen Accessoire eine große Installation. In Genf hatte er zuvor eine ganze Ausstellung mit Taschentüchern bestückt. Sie erzählten Geschichten von Großmama und Großpapa und vom sauber gebürsteten Sonntagsanzug. Nein, ein Revolutionär ist Van Assche nicht. Er ist der Musterschüler in der derzeitigen Männermodeszene. Trotzdem bekam er vergangenen April den wichtigsten Job in der Männermodebranche übertragen, jenen als Chefdesigner bei Dior Homme. Oder war es gerade deswegen?

Blickt man sich derzeit in der männlichen Modeszene um, dann ist eine gewisse Ratlosigkeit zu bemerken. Nach Jahren der Euphorie, während deren gleich eine ganze Handvoll an Designern die Grenzen der Mode hinterfragten und man immer wieder den Satz hören konnte, dass Männermode derzeit interessanter sei als jene der Damen, ist eine gewisse Stagnation eingetreten. Man könnte auch Normalität dazu sagen. Der Aufbruch ist vollzogen, jetzt geht es darum, auf dem Gipfel ein trockenes Plätzchen zu finden.

Heroin Chic für Berufsjugendliche

Die Situation bei Dior Homme ist dafür ein gutes Beispiel: Unter der Regentschaft von Hedi Slimane ist die Linie zu einem Leitlabel aufgestiegen. Sie definierte den Stil einer ganzen Generation, eine Art verspäteter Heroin Chic für Berufsjugendliche, die wehmütig ihrer nie stattgefundenen Karriere auf einer Konzertbühne nachtrauerten. Hedi Slimane war ihr Alphatier, ein mysteriöser, in sich verschlossener Popstar, der der Männermode das wiedergab, wonach es nicht nur den Damen gelüstet: eine räudige Sexyness. Sein Glamour kam aus der Dunkelheit.

In den sieben Jahren unter seiner Ägide hatte er Dior jene Jugendlichkeit zurückgegeben, die in der Mode so wichtig ist und die auch nach seinem Abgang (wegen Differenzen mit Dior-Chef Arnault über eine zweite Damenlinie) das Kapital der Marke bleibt. Sie darf auch sein ehemaliger Assistent, der Belgier Kris Van Assche nicht verspielen - gleichzeitig wird er aber einen eigenen Weg gehen müssen. Eine Quadratur der Mode?

Als der 31-jährige Van Assche Anfang Juli nach nur zweieinhalbmonatiger Vorbereitungszeit seine erste schmale Dior-Homme-Kollektion präsentierte, hielten sich lachende und weinende Augen in Grenzen. Nicht mehr als eine Probe von dem, was kommen könnte, hatte er abgeliefert, einige Tableaux vivants posierten in einem Pariser Chateau aus dem 18. Jahrhundert, dazu wurden vergoldete Makronen von Ladurée serviert. Das Wort, das an diesem heißen Pariser Nachmittag am öftesten fiel, war "Couture". Bundfaltenhosen mit zehn Falten und viel Volumen, Smokinghemden, aufwändig bestickte Lackschuhe. Es hätte beinahe der Stil von Christian Dior höchstpersönlich sein können. "Wir sind zuversichtlich", urteilte der Großkritiker von www.style.com. "Es war eine gute Kollektion, man muss ihm ein Chance geben", meint Markus Ebner, der Chefredakteur des deutschen Modemagazins Achtung: "Van Assche ist ungemein ehrgeizig."

Romantische Note

Das war bereits bei jenen Kollektionen zu sehen, die seit Winter 2005 unter seinem eigenen Namen präsentiert wurden. Damals hatte sich Van Assche von seinem Meister Slimane getrennt, aus Gründen, die nicht öffentlich gemacht wurden. Doch bereits mit seiner ersten Kollektion wurde er von den schwierigen Pariser Modezirkeln ungewöhnlich offen empfangen. Sie goutierten den perfekten Handwerker und dessen lockere Street-Couture. Schon damals war klar: Das beste Model seiner Mode ist Kris Van Assche selbst.

Im taillierten Sakko zur Cargohose, im Dreiteiler zu Sneakers oder im T-Shirt kombiniert mit einer klassischen Anzugweste zeigt der an der Königlichen Akademie der schönen Künste in Antwerpen ausgebildete belgische Beau, welchen Stil er sich bei Männern wünscht: keine karnevalesken Verkleidungen, nichts zu Dandyeskes oder zu Feminines. Seine Mode orientiert sich an der Tradition, ihr verleiht er einen schrägen Touch. Seine Zielgruppe: Männer mit einem Hang zur romantischen Note. Zu einem regelrechten Van Assche-Markenzeichen sind die in allen möglichen Varianten kombinierten Westen aufgestiegen - und die weiten, locker fallenden Hosen.

Vom Rock-'n'-Roll-Stil des Hedi Slimane hat sich der eher auf House stehende Designer weit entfernt - sowohl in seiner eigenen Kollektion und erst recht in jener ersten für Dior Homme: Nicht er ist dort der Star, diese Rolle fällt der Marke zu. Ob sich das Gleichgewicht verschieben könnte, das wird die anstehende erste große Dior Show Ende dieser Woche weisen. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/18/01/2008)