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Schmal das Model und schmal die Jacke: Die Kreation mit zotteligem Ziegenfell ist Teil der Gucci-Kollektion für kommenden Winter.

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Die Mode behindert sich selbst. Der Zipper der kurzen Tunika läuft am Rücken entlang, die Knöpfe der Hemden ebenso. Will man sie öffnen oder schließen, dann ist man auf Hilfe angewiesen - vorzugsweise aus der Damenwelt. Das wird stolzen, zahlungskräftigen Herren gar nicht behagen. Sie sind die Zielgruppe der jetzt in Mailand präsentierten Mode für Herbst und Winter 2008/09: die zahlreicher werdenden Luxusgeschöpfe, deren Kleidung die Funktion hat, die einst Schmuck zukam.

Doch Mode wäre nicht Mode, wenn ihre ambitioniertesten VertreterInnen nicht auch gleich die Gegenentwürfe zum allgemeinen Trend hin zu exquisiten, superleichten Materialien und dementsprechenden Verarbeitungen liefern würden. Die eingangs zitierte Tunika stammt von Marni, das Bondage-Hemd von Miuccia Prada. Die klassische Herrengarderobe ist Spielwiese ihrer durchaus perversen Fantasien. Diesmal verdoppelte sie die Krägen, senkte den Schritt, arbeitete mit nackig schimmernden Pullis, interpretierte den Cummerbund als eine Art männlichen Bikini. Allesamt Themen aus dem Fundus des Fetischs, luxuriös interpretiert. Als wollte Miuccia Prada auch einen Kommentar zur Entwicklung der Herrenmode abgeben.

Diese hat sich in Mailand mehrheitlich von der Suche nach neuen Formen verabschiedet. Es dominieren FlohmarktwühlerInnen (etwa Dsquared, die die Jugendkulturen der Achtziger sampeln, oder Roberto Cavalli, der sich weiterhin im Nizza der Siebziger bewegt) und Großfabrikanten.

Filmhelden der 30er-Jahre

Dolce & Gabbana pappen in ihrer Zweitlinie D&G das schottische Tartanmusters auf alles und jeden, und Giorgio Armani genügt sich in erster Linie selbst. Die Endlosschau seiner Hauptlinie huldigt wie immer den Filmhelden der Dreißiger, die Samthosen sind allerdings enger, die Hüte höher geworden. Um die Neuigkeiten in einer Kollektion geht es bei ihm weniger, Armani verkauft einen Lifestyle. Oder in vulgäreren Worten: Diesmal lancierte er eine Nobelcreme für den Herren und eine neue Unterwäschelinie (mit David Beckham als beinespreizendem Testimonial). Von Dolce & Gabbana gibt es auch neue Unterhöschen. So viel von der aktuellsten Kommerzschlacht in der italienischen Designerliga.

Doch zurück zum Kreativen oder besser gesagt zur Fetischisierung der Garderobe: Damit ist weniger der latent sexuelle Unterton der Mailänder Kollektionen als die Kreation sogenannter "It-Teile" gemeint. Waren das früher vornehmlich Accessoires, so bestehen mittlerweile ganze Kollektionen aus besonderen Einzelstücken. Zu studieren ist das bei jener von Frida Giannini für Gucci. Ein mit Schafwolle gefütterter Biberfellmantel, enge Jacketts mit Bordüren, Lederjacken mit pompösen Pelzkrägen, noble Kosakenhemden. Dazu die zum Thema "Gitarrenrocker auf Postsowjetunion-Trip" passenden Stiefeletten, Klimperbändchen und Hippie-Schals. Ein Zufall, dass die begehrteste Kundschaft derzeit die russischen Einkäufer sind?

Nur kleine Seitensprünge

Man sollte sich von Umsatzzuwächsen nicht täuschen lassen: Der Druck auf die Verwertbarkeit der Mode ist enorm. Zwar sind die italienischen Modefirmen mehrheitlich in Privatbesitz, die Mischung aus Image und Kommerz erlaubt aber nur kleine Seitensprünge - etwa wie sie sich Fendi oder Calvin Klein erlauben. Die Traditionskollektion mit kleinen Spielereien auf der einen, der körperbetonte Minimalstil auf der anderen Seite. Hier steht der Mode niemand im Wege - am wenigsten sie selbst. (Der Standard, Printausgabe 17.01.2008)