Wien – Diesen Sonntag steht Wien quasi im Zentrum außenpolitischer Analysekompetenz: Am Vormittag diskutieren prominente Gäste im Burgtheater auf Einladung des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen (IWM) und des Standard über Europa: „The World Disorder and the Role of Europe“ – dazu kommen der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer, sein (amtierender) tschechischer Kollege Karl Schwarzenberg, der ungarisch-amerikanische Finanzmagnat George Soros und Anne-Marie Slaughter von der Princeton University zur Sache.

Am Nachmittag stellt sich das neugegründete European Council on Foreign Affairs (ECFR)in Wien vor. Der außenpolitische Think-Tank soll eine neue „strategische Kultur“ in der europäischen Außenpolitik voranbringen. Gegründet wurde er von früheren Politikern, Geschäftsleuten, Universitätsprofessoren und Journalisten, im Beirat sitzen etwa die niederländische Prinzessin Mabel van Oranje, Joschka Fischer oder der frühere Generalsekretär des Wiener Außenamtes Albert Rohan.

In Wien wird aus diesem Anlass auch eine Studie zu den Beziehungen zwischen der EU und Russland vorgestellt. Die wesentlichen Punkte darin: Trotz seiner wirtschaftlichen Stärke verhält sich Europa so, als ob es dem zunehmend selbstbewussteren Russland untergeordnet wäre. Joschka Fischer stellt in dem Report etwa fest, dass Moskau in den Beziehungen zur EU die Agenda vorgibt. Der Grund dafür sei die Uneinigkeit der Union, das müsse sich ändern. Und Mark Leonard, der Direktor des ECFR, erklärt das Verhältnis so: „Seit Donald Rumsfeld und dem Irakkrieg ist Russland das trennendste Thema in der EU.“ Den Russen falle es zu leicht, einen Keil in die Union zu treiben. Es spiele Freunde (Berlin, Paris, Madrid), pragmatische Neutrale (darunter Wien) und explizite Feinde wie London zu leicht gegeneinander aus. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.1.2008)