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Foto: Reuters/Balibouse
Davos/Brüssel/Frankfurt - Nach der außerplanmäßigen Zinssenkung der US-Notenbank hagelt es vor dem Hintergrund der anhaltenden Marktturbulenzen Kritik an der Rolle der Währungshüter in der Finanzkrise. "Die Zentralbanken haben die Kontrolle verloren", sagte der Milliardär und Großinvestor George Soros am Mittwoch beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Heftige Kritik kam auch von der Beteiligungsgesellschaft Blackstone und der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch.

Die Europäische Zentralbank (EZB) scheint nicht bereit, dem Beispiel der Federal Reserve (Fed) zu folgen und die Zinsen in der Euro-Zone schnell zu senken. Die Bank of England signalisierte indes die Möglichkeit einer baldigen Lockerung der Geldpolitik. Die Fed hatte den Leitzins am Dienstag in einem ungewöhnlich großen Schritt um 75 Basispunkte auf 3,5 Prozent gekappt.

Es sei noch zu früh, um Schlüsse aus der Talfahrt an den Aktienmärkten zu ziehen, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet vor EU-Parlamentariern in Brüssel. "Derzeit sollten wir uns anschauen, was mit der realen Wirtschaft passiert." Er rechnet weiter mit einem robusten Wachstum im Euro-Raum von rund zwei Prozent in diesem Jahr. Die Konjunkturrisken hätten aber zugenommen. Zur Möglichkeit einer Zinssenkung der EZB als Reaktion auf das Vorgehen der US-Notenbank äußerte sich Trichet explizit nicht.

Die EZB hält ihren Leitzins seit Sommer stabil bei vier Prozent. Die Gewährleistung von Preisstabilität in turbulenten Zeiten helfe auch den Finanzmärkten, sagte Trichet. Der Chef der Eurogruppe, Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, sagte, er rechne angesichts der Inflationsgefahr nicht mit einer Zinssenkung durch die EZB. Immer mehr Volkswirte sehen dies anders. Nach einer Reuters-Umfrage von Mittwoch rechnet das Gros der Ökonomen in der ersten Jahreshälfte noch mit stabilen Zinsen. 43 von 69 befragten Volkswirten erwarten danach aber eine Zinssenkung um mindestens 25 Basispunkte.

Neue Blase befürchtet

Stephen Roach, Asien-Chef von Merrill Lynch, sagte in Davos mit Blick auf den Überraschungscoup der Fed am Dienstag: "Wir haben eine marktfreundliche Fed, die möglicherweise sehr viel Liquidität in das System pumpt, was uns zu einer neuen Blase führen könnte." Er habe die Sorge, dass die Fed am Dienstag eine Art "Schlummertaste" gedrückt habe. "Diese exzessive monetäre Anpassung führt uns nur von Blase zu Blase zu Blase."

John Studzinski von Blackstone betonte: "Wonach die Märkte derzeit verzweifelt suchen, ist Führung". Und es sehe so aus, "als würde das fehlen". Wichtig sei vor allem ein proaktives Handeln. Reine Reaktionen führten nur zu weiteren Ängsten und Frustrationen. In die Kritik stimmte auch der frühere US-Finanzminister Laurence Summers ein. Es sei sehr schwierig, den Notenbanken "gute Noten zu geben".

Mit ihrem Schritt war es der Fed am Dienstag immerhin gelungen, die Aktienmärkte wieder einigermaßen zu beruhigen. Am Mittwoch setzte sich die Talfahrt dann aber fort. Der Dax fiel in Frankfurt um mehr als fünf Prozent. An der New Yorker Wall Street startete der Dow Jones ebenfalls im Minus.

In Davos wurde am Mittwoch auch der Chef der New Yorker Notenbank, Timothy Geithner, erwartet. Das Weltwirtschaftsforum sollte am frühen Abend von US-Außenministerin Condoleezza Rice eröffnet werden. In dem Schweizer Skiort trifft sich Anfang jedes Jahres die politische und wirtschaftliche Elite. (APA)