Bild nicht mehr verfügbar.

Andrea Ypsilanti (SPD) könnte erste hessische Ministerpräsidentin werden.

Foto: Getty
Über mangelndes Lob und fehlenden Zuspruch kann sich Andrea Ypsilanti derzeit nicht beklagen. Doch bei einem Kompliment presst die hessische SPD-Spitzenkandidatin den Mund unwillig aufeinander und wippt genervt mit dem Fuß: Wenn wieder einmal einer erklärt, wie toll das sein wird, nach dem 27. Jänner eine so fesche Frau im Kreise der derzeit rein männlichen Riege der 16 deutschen Ministerpräsidenten zu haben.

Klar, es hat schon unattraktivere Spitzenkandidatinnen in Deutschland gegeben - aber das ist nicht Ypsilantis Kategorie. Sie will Politik machen und Amtsinhaber Roland Koch (CDU) verdrängen. "Ich habe mir Ségolène Royal zum Vorbild genommen", erklärt die 50-Jährige. Die Sozialistin unterlag zwar vergangenen Mai im Kampf um die französische Präsidentschaft mit 46 Prozent Nicolas Sarkozy, doch das wertet Ypsilanti nicht als schlechtes Omen: "46 Prozent würden mir schon reichen."

Derzeit liegt die SPD bei 38 Prozent

So viel werden es am Sonntag sicher nicht, derzeit liegt die SPD bei 38 Prozent. Aber Partei- und Fraktionschefin Ypsilanti hat dennoch gute Chancen, Hessens erste Ministerpräsidentin zu werden. Daran glaubte vor wenigen Monaten noch kaum jemand, auch nicht sie selbst. Tief zerstritten war die Hessen-SPD, Ypsilanti musste sich in einer Mitgliederbefragung gegen den damaligen Fraktionschef Jürgen Walter durchsetzen, und sie bekam nur zehn Stimmen mehr als er.

Sie nahm das knappe Ergebnis als Ansporn. "Da, wo ich herkomme, darf man als Frau nicht zimperlich sein", ruft sie im Wahlkampf immer wieder. Die Tochter eines Opel-Arbeiters aus Rüsselsheim arbeitete zunächst als Sekretärin und Stewardess, bevor sie Soziologie und Pädagogik studierte.

Ypsilantis ungewöhnlicher Nachname stammt aus ihrer ersten Ehe mit einem Griechen. Mit Sohn Konstantin, den sie auf eine Privatschule schickt, und ihrem Lebensgefährten lebt sie heute in Frankfurt in einer Hausgemeinschaft mit anderen Familien.

"Frau, die Gerhard Schröder nervte"

In der SPD-Familie gibt es hingegen einige, die auf so viel Nähe zu Ypsilanti gerne verzichten. Noch immer gilt sie als die "Frau, die Gerhard Schröder nervte". Seine Reformagenda 2010 war bei der zum linken Parteiflügel zählenden Ypsilanti in der Dauerkritik. Von Schröder ist der Satz überliefert, er lasse sich seinen Kurs nicht "von den Ypsilantis in der SPD" diktieren.

Doch nun, wo sie für Mindestlöhne, Ganztagsschulen sowie Windenergie kämpft und als soziales Gegenmodell zu Hardliner Koch auftritt, gilt die Ex-"Nervensäge" als Hoffnungsträgerin. Wo auch künftig ihr Platz ist, macht Ypsilanti deutlich, wenn sie über wahlentscheidende Fehler ihres Vorbilds Ségolène Royal spricht: "Am Ende hat sie zu viele Kompromisse gemacht, sie hat geglaubt, sie müsse in die Mitte rücken, und hat ihr Profil nicht durchgehalten." (Birgit Baumann, DER STANDARD, Printausgabe 24.1.2008)