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So nicht: Mit Pauls (Rainer Frieb) neuem Roman ist seine geisteskranke "Pflegerin" Annie (Claudia Sabitzer) nicht einverstanden. Also muss er neu schreiben.

Foto: APA/Strauss
Wien - Die muffige Atmosphäre im sogenannten schwarzen Salon unter dem Dach des Volkstheaters ist für die Bühnenarbeit an den Stoffen eines Horror-Autors bereits ein guter Regie-Vorschuss. Auch dass dieser Salon direkt über einen Lastenaufzug zu begehen ist, kommt der Bühnenadaption von Stephen Kings Roman Sie (im englischen Original: Misery) sehr entgegen.

Denn Simon Moore findet darin mit einem Lift, aus dem Annie das Zimmer des ans Bett gefesselten Paul betritt, wenngleich dessen Einbau in ein verlassenes Landhäuschen ungewöhnlich scheinen mag, eine trostlose Zuspitzung der Isolierung King'scher Charaktere. In Misery ist es Paul Sheldon, der, Lesern bereits als immer wieder in King-Romanen erwähnter Bestsellerautor schrecklicher Schundromane bekannt (Rose Daniels liest in Das Bild gar einen Misery-Roman von ihm), nunmehr selbst ins Zentrum einer Abenteuergeschichte gerückt, in eine gefährliche, von einer Geisteskranken gesteuerte Isolation gerät. Im Volkstheater findet sich Paul (Rainer Frieb) zur Verdeutlichung im dicht an die gerundete Hinterwand gerückten Bett von einem in scharfem Dreieck angeordneten Publikum eingekesselt (Ausstattung: Natascha Fel).

Seine so höchst erfolgreichen Romane schreibt er zurückgezogen auf einer entlegenen Berghütte, erzählt Sheldon im Prolog, einer Rede anlässlich einer Preisverleihung, dem Publikum. Nicht erfahren seine Leserinnen da, dass Sheldon der Heldin seiner Frauenbücherserie, Misery Chastain, überdrüssig geworden ist.

Abgeschieden, ausgeliefert

Ausgerechnet als er seine Berghütte mit dem Manuskript eines neuen, neuartigen Romans gen Stadt verlässt, verunfallt er in der Einöde und erwacht im abgelegenen Haus der Ex-Krankenschwester Annie Wilkes (großartiges Schauspiel von Claudia Sabitzer), die sich nicht nur als sein "größter, wirklich allergrößter Fan", sondern zunehmend auch als psychisch beängstigend abnormal herausstellt. Mit seinem neuen Roman ist sie gar nicht einverstanden, noch weniger mit dem Tod der Heldin im letzten Misery-Roman.

Sabitzer spielt in der nur schwach spürbaren Inszenierung von Lisa-Maria Cerha grandiose Stimmungsschwankungen einer Unberechenbaren, umhüllt die entschlossenen Grausamkeiten Annies (als Paul, der nur für sie Miserys Rückkehr schreiben muss, einen Fluchtversuch unternimmt, werden ihm in einer fast schon gruseligen, mit wackeligem Taschenlampenlicht beleuchteten Szene die "Flügel gestutzt") mit nahezu zärtlicher Unschuld und zeichnet auf beklemmende Weise die heftig ausschlagenden Kardiogrammzacken wahnsinniger Anfälle. Man verdankt ihr einen überaus gelungenen, fesselnden Theaterabend. (Isabella Hager, DER STANDARD/Printausgabe, 28.01.2008)