Graz - Er habe eigentlich "keine Freude mit ereignisbezogener Geschichtsschreibung", bemerkte der Grazer Historiker Stefan Karner bei der vom Club Alpbach und Standard veranstalteten Diskussion im Resowi-Gebäude der Karl-Franzens-Universität, "aber wir leben alle ganz gut davon". Gebe es doch in allen Gedenkjahren Aufträge für Bücher und DVDs. Was von den ins kollektive Erinnerungsvermögen gerückten "Achter-Jahren" 1848, 1918, 1938 und 1968, abgesehen von historischen Abhandlungen, noch übrig sei, wollte Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid von Karner und seinen Berufskollegen Alfred Ableitinger und Helmut Konrad sowie vom Juristen Wolfgang Mantl wissen.

Dabei wurde schnell evident, dass die Bedeutung dieser schicksalhaften Jahre nicht nur weltweit verschieden groß war, sondern man auch am Podium zwischen Bewegungen, die - wie im Revolutionsjahr 1848 und dem Jahr der Revolten, 1968 - "von unten" kamen, und anderen, die wie 1918 und 1938 den Startschuss für eine neue Weltordnung darstellten, unterschied. Ableitinger wollte das Jahr des Anschlusses 1938 "nicht nur als wichtig für Österreich" sehen, sondern erinnerte daran, das in diesem Jahr auch die Wehrmacht unter den direkten Befehl Adolf Hitlers kam.

1968 weniger ein Jahr der Politik

Karner wollte darüber reden, "ob nicht auch der Nationalsozialismus eine Bewegung von unten ist". Nicht nur in diesem Punkt war der ehemalige Rektor der Grazer Uni, Helmut Konrad, "keinen Zentimeter" bei Karner. Konrad beharrte allein vehement auf dem Einfluss, den die Ereignisse von 1968 auch auf Österreich genommen hätten. 1968 habe mit 1848 Parallelen in Sachen Aufbruchstimmung. Es sei in Österreich weniger ein Jahr der Politik, sondern der Kunst gewesen. Namen wie Peter Weibel, Günter Brus oder Valie Export repräsentierten heute das Land, und auch die Uni wäre ohne Alt-68er heute eine andere.

Der beredte und bekennende Konservative Mantl sieht das anders: "Jürgen Habermas oder Herbert Marcuse gab es doch in Österreich gar nicht, oder sie wurden später in Seminaren aufgearbeitet". Und Exports Tapp- und Tastkino halte er bis heute "für unanständig". Was vom Jahr 1938 und den folgenden jedenfalls blieb, sind für Mantl Ressentiments wie der Antisemitismus: "Frei schwebende Partikel, die sich zu einem neuen Mix zusammenfügen." (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2008)