Ein Projekt, das sich diese Frage stellt und dabei die komplexen Beziehungen von "Jüdischem" und "Nichtjüdischem" jenseits der gängigen Kategorien untersucht.

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"Unsere Kultur und unser Denken werden von einem begrifflichen Dualismus strukturiert, der es zwar einfacher macht, Geschichte(n) zu erzählen, der aber die Komplexität der Wirklichkeit unterschlägt", ist der Grazer Zeithistoriker Klaus Hödl überzeugt. Westliche versus östliche Kultur, säkular versus religiös, Jude versus Nichtjude - unser Bild von der Welt wird von unzähligen sprachlichen Gegensatzpaaren geprägt, die den Blick von den schwer zuordenbaren Zwischenräumen ablenken. Es ist nicht zuletzt dieser Dualismus, der klare Fronten schafft und die Schubladen bereithält, in die das Erwünschte und das Feindliche bequem abgelegt werden können.

In seiner aktuellen, vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie zur Geschichte des Wiener Judentums im Fin de Siècle will der Forscher die klassischen Kategorien, auf die sich die jüdische Geschichtsschreibung seit der Shoah stützt, hinterfragen und aufbrechen: "Die Annäherung an die jüdische Geschichte hat sich bislang fast immer auf Begriffe wie Anpassung, Akkulturation oder Assimilation gestützt", so Klaus Hödl.

"Dabei ist man davon ausgegangen, dass Juden ein großes Kollektiv bilden, das sich linear an die nichtjüdische Kultur anpasst oder eben nicht anpasst. Bei genauer Betrachtung der Quellen zeigt sich aber, dass es viele bislang unbeachtete Bereiche gegeben hat, in denen Juden und Nichtjuden gemeinsam die Gesellschaft gestaltet haben."

Ausgehend von einem "performativen" Kulturbegriff - in dessen Zentrum nicht mehr wie gewohnt statische Texte stehen, sondern vor allem öffentliche Handlungen und Prozesse -, hat sich Klaus Hödl etwa mit der Hinterlassenschaft zahlreicher Vereine, dem Jüdischen Museum in Wien oder dem Jiddischen Theater befasst.

Interessanterweise waren die meisten im Jiddischen Theater gespielten Stücke Übertragungen klassischer europäischer Dramen in jiddische Sprache und jiddischen Kontext. "Es wurde viel improvisiert, und das Publikum, zu dem auch eine große Zahl von Nichtjuden zählte, wurde immer in das Bühnengeschehen einbezogen. Daraus entstanden performative Akte, deren Ergebnisse nicht absehbar waren."

So hat sich zum Beispiel in den 1880er-Jahren über das Jiddische Theater in Moskau der Begriff "Schmendrik" für einen etwas einfältigen Juden auch im nichtjüdischen Milieu eingebürgert. "Auf diese Weise", so der Historiker, "ist die abfällige Bezeichnung in den Alltagsantisemitismus eingegangen und hat die von beiden Seiten propagierten Differenzen verstärkt." Auf der anderen Seite wiederum entwickelte sich um bestimmte Schauspieler des Jiddischen Theaters ein regelrechter Starkult auch bei nichtjüdischen Theaterfans.

Was lässt sich daraus ableiten? "In meiner Arbeit geht es mir vor allem darum, anhand bestimmter Vorgänge und Aktionen gegebene Sichtweisen, die beispielsweise auf die Assimilationstheorie aufbauen, infrage zu stellen", erklärt Klaus Hödl. "Juden haben sich nicht immer angepasst, sie sind in bestimmten Situationen durchaus sehr selbstbewusst aufgetreten und haben Differenzen oft bewusst gepflegt. Gleichzeitig hat es aber auch viele Gemeinsamkeiten bzw. gemeinsame Aktionen von Juden und Nichtjuden gegeben, was in der traditionellen Geschichtsschreibung oft unter den Tisch fällt. Letztlich war es ein extrem komplexes Verhältnis."

Wiener Vereinsleben

Interessante Einblicke in dieses Verhältnis liefert auch das Wiener Vereinsleben zur Jahrhundertwende: So fand Hödl Aufzeichnungen über die Aktivitäten eines jüdischen Frauenvereins, in dem sich die Damen unter anderem der Gestaltung "lebender Bilder" widmeten - ein damals sehr beliebter Zeitvertreib der "besseren" Gesellschaft. Eines der "nachgespielten" Gemälde war Franz Defreggers "Ankunft auf dem Tanzboden", in dem der berühmte Genremaler eine Schuhplattlerpartie in Aktion darstellt.

Was hat die jüdischen Frauen aus der Großstadt bewogen, gerade ein solches Motiv in Szene zu setzen? Wollte man sich über die zu jener Zeit bereits stark antisemitisch durchsetzte ländliche Bevölkerung lustig machen? Oder drückt sich hier (auch) der Wunsch nach Zugehörigkeit - wenn auch nur als Alpintouristen - aus? Immerhin haben, wie der Historiker herausfand, viele Hotels ab Ende des 19. Jahrhunderts keine Juden mehr als Gäste aufgenommen ...

Was immer die Beweggründe dieser eigentümlichen Wahl gewesen sein mögen: "Sicher ist, dass sich hier ein beachtliches jüdisches Selbstbewusstsein ausdrückt, was die Assimilationsthese nicht ohne weiteres stützt", so Klaus Hödl. Der genaue Blick auf die vielschichtigen Beziehungsgeflechte zeige vielmehr, dass Juden und Nichtjuden die Wiener Gesellschaft des Fin de Siècle gemeinsam und interaktiv geprägt haben. "Es ist deshalb auch absurd, vom 'Beitrag der Juden zu unserer Kultur' zu sprechen, weil sie ja ganz offensichtlich ein integraler Teil dieser Kultur waren." (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2008)