Wer hätte das vor knapp vierzig Jahren gedacht, als der französische Publizist Jean-Jacques Servan-Schreiber seinen Weltbestseller über "Die amerikanische Herausforderung" veröffentlicht hatte. Damals war nämlich der Politik und Wirtschaft Europas angst und bange vor der unaufhaltsamen Expansion der US-Finanz und -Industrie.

Zugleich beschwerten sich die europäischen und asiatischen Geschäftsleute über die künstlichen administrativen Hindernisse bei ihren Versuchen, eine Tochtergesellschaft in den Vereinigten Staaten zu gründen. Bei einem internationalen Bilderberg-Treffen in Kanada war ich Zeuge, als nach einem Vortrag des Harvard-Professors Raymond Vernon über transnationale Transaktionen dem griechischen Reeder Stavros Niarchos die Geduld riss: "Bei euch Amerikanern kann man nicht einmal ein Blumengeschäft ohne weiteres eröffnen ..."

Jetzt hat sich die Tendenz völlig und für viele US-Bürger unvorstellbar umgekehrt. "Die Übersee-Investoren sind die Retter der schwankenden amerikanischen Wirtschaft". So lautete die Überschrift eines New York Times-Berichtes am Wochenende über die rapide Zunahme der Auslandsinvestitionen, die im Vorjahr 414 Milliarden Dollar betrugen, eine Steigerung um 90 Prozent verglichen mit dem Vorjahr und eine Verdoppelung des Durchschnitts des letzten Jahrzehnts. Rund ein Viertel aller geschäftlichen Transaktionen entfiel 2007 auf ausländische Investoren. Zugleich erreichten die US-Investitionen im Ausland nur weniger als 300 Mrd. Dollar. In den ersten zwei Wochen dieses Jahres waren die ausländischen Investoren bereits für die Hälfte aller Geschäftsabschlüsse mit Investitionen in der Höhe von 22,6 Mrd.Dollar verantwortlich.

Die Gründe für die Rekordhöhe der Investitionen liegen auf der Hand: der schwache Dollar, die Knappheit der Kredite, wachsende Arbeitslosigkeit und die Sorge um eine drohende Rezession. All das vor dem Hintergrund des Zusammenbruches des spekulativen Immobilien- und Hypothekenmarktes. Man schätzt, dass bisher nur die Hälfte der Immobilienpleiten bekannt geworden ist.

An vielen großangelegten Investitionen sind allerdings in zunehmendem Ausmaß sogenannte Staatsfonds (Sovereign Wealth Funds) beteiligt, die wiederum im Besitz oder zumindest unter Kontrolle von mehr oder weniger autoritären Staaten sind. Diese Fonds entstanden infolge der enormen Leistungsbilanzüberschüsse in China und Abu Dhabi, Saudi-Arabien, Kuwait oder Norwegen. Die Vermögen dieser Staatsfonds werden heute von den Experten des Weltwirtschaftsforums (WEF) und der Deutschen Bank auf 2,5 Billionen Dollar geschätzt; in sieben Jahren sollen sie bereits auf 12 Billionen Dollar wachsen.

Die Investitionen der Staatsfonds sind zwar bisher überwiegend in den westlichen Industriestaaten, also auch in den USA, willkommen. Trotzdem warnen Politiker und Wirtschaftsexperten auch vor der Gefahr, dass fremde Staaten über das Finanzsystem oder die Militärtechnologie Einfluss gewinnen könnten. Der frühere US-Finanzminister, Harvard-Professor Larry Summers, schlug deshalb am WEF in Davos kürzlich (allerdings vergeblich) "Verhaltensrichtlinien" für die Fonds vor, um den politischen Ängsten zu begegnen.

Vor allem die machtpolitischen und finanziellen Perspektiven der Beziehungen zum kommunistisch regierten China, mit Fremdwährungsreserven in der Höhe von 1,4 Billionen Dollar, darunter mit hunderten Milliarden an US-Bundesschatzscheinen und mit einem jährlichen Handelsbilanzüberschuss von 250 Milliarden Dollar im Handel mit der USA, werden im Wahljahr zu einem der Hauptthemen der inneramerikanischen Diskussion. (DER STANDARD, Printausgabe 7.2.2008)