Jeweils montags und donnerstags eine Stadtgeschichte Thomas Rottenberg

Es war schon am Montag. Da knallte mir G. das profil auf den Tisch: N., der Kolumnist, seufzte G., habe mir gerade die Tour vermasselt. Denn die Sache mit der Klofrau könne ich mir jetzt ja wohl abschminken.

Ich blätterte nach – und war enttäuscht. N. hatte da auf einer ganzen Seite vorweggenommen, was doch mein Erlebnisaufsatz vom Opernball des Jahres 2009 hätte werden sollen. Den Witz hatte ich zumindest in der Oper vorige Woche etwa 20 mal gehört und 10 mal selbst gemacht: der Kolumnist hatte den Standard-Bericht vom Kellnern im Raucherkammerl zum Anlass genommen, die Schraube weiter zu drehen. Um noch näher am Geschehen zu sein, hatte er – völlig richtig – erkannt, müsse man den Ball als Klofrau erleben. (Obwohl – aber der Unterschied dürfte marginal sein – ich ja Kellner gespielt hatte, um möglichst weit von dem weg zu sein, was am Opernball unter "Geschehen" firmiert – und jedes Jahr das gleiche ist.)

Dilemma

N. hatte also vorab beschrieben, was eigentlich erst für das kommende Jahr angedacht gewesen war. Und, befand G., stürzte mich somit in ein veritables Berichterstatter-Dilemma: Einfach nur als Journalist auf den Ball zu gehen und ins allgemeine "been there – seen them" einzustimmen, wäre ja wohl ein Rückschritt. Aber da die Klofrau-Option nun verspielt sei, müssten wir uns was überlegen. Schon jetzt.

Ich bedankte mich artig. Dass G. sich meinen Kopf zerbrechen wollte, fände ich wirklich sehr nett von ihm. Auch wenn das jetzt vielleicht schon ein bisserl früh sei. Aber G. widersprach. Ihm schwebe, sagte er, da schon etwas vor – aber das bedürfe ausgefeilter Planung. Und Übung. Ich solle, meinte er, den Opernball eröffnen.

Ich widersprach: Ob er da nicht lieber mit irgendeinem ORF-Dancingstar reden wolle? Lichter und Eberhartinger als Eintänzer, das wäre doch was. Und abgesehen davon, dass ich nicht tanzen könne, sei ich ja wohl eine Spur zu alt. Aber G. ließ sich nicht beirren: Ein bisserl Übung, ein bisserl Verkleiden und ein bisserl Antauchen, meinte er – und schon könnte ich als Debütantin durchgehen. Und, nein, ich hätte mich nicht verhört: Er sähe mich im weißen Kleid. Mit Krönchen. Und zwar in der ersten Reihe.

Pandoras Büchse

Das, betonte G., sei sein voller Ernst. Schließlich hätte ich mit der Kellner-Sache die opernballjournalistische Büchse der Pandora Büchse geöffnet – und die Gefahr, dass im kommenden Jahr die Kinder diverser Herausgeber das Land mit Tanz-Testimonials zum höheren Ruhme des elterlichen Betriebes beglücken könnten, sei gestiegen. Oder dass Fernsehsender Helmkameras in die Frisuren von Debütantinnen einbauen. Oder ... G. schlug verzweifelt die Hände vor seine Augen.

Aber eigentlich, meinte er dann, gäbe es nur einen Job, mit dem ich das alles toppen könnte: Ich müsste Lugners Gast werden. Und um das einzufädeln, sollten wir schon jetzt eine gefinkelte Strategie ersinnen. Schließlich gelte es, sich das Vertrauen und/oder die Verehrung der Tochter Lugner zu sichern. Und das, meinte G., könnte echt knifflig werden: Tokyo Hotel gäbe es schließlich schon. Und 14-jährige wären ja so was von unberechenbar.

Fernsehersherpa

Ich gab auf. Ich gestand G., dass ich mir selbst ja auch schon Gedanken gemacht hätte. Und schon ziemlich genau wüsste, was meine Traumrolle am Opernball 2009 sei. Ioan Holender war da nämlich auf einem Bild mit einem Vasallen abgelichtet worden, dessen Job darin bestand, dem Direktor einen Fernsehapparat nachzutragen: Der Mann trug am Rücken einen Tornister mit Akku und Antenne. Vor der Brust baumelte ihm ein Bildschirm. Und in der Hand hielt er einen Kopfhörer. So und nicht anders möchte ich den Ball nächstes Jahr besuchen.

G. war zuerst ein wenig enttäuscht, nickte dann aber. Und sagte, er habe im Grunde nichts anderes erwartet. Außerdem gäbe er all seine tollen Ideen hiermit zur Umsetzung für jedermann frei. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 7. Februar 2008)