Johann Garbers Ohrskulptur vor dem Funkhaus.

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"Ich bin eine absolute Quotensau", bekennt Alfred Treiber. Der Ö1-Chef führt, insbesondere dank der "Journale", Europas meistgehörtes Kulturradio. "Der Erfolg schützt Ö1, das könnte man nicht abdrehen." Zuspruch verdankt er "Verzweiflung" über "Müll" im Äther, sagt er bei der Debatte der Plattform "Freiraum".

Jeder will größtmögliche Öffentlichkeit, ob Maler, Schauspieler, Theaterintendant, klagt ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz, und auch "beim Radio ist das super. Nur beim Fernsehen ist es eine Sauerei".

Als "dressierte elektronische Ratten" verfolgten Fernsehmacher täglich ihre Quoten, sagt Lorenz. Sie befänden sich in "fataler Grätsche": "Ein Bein öffentlich-rechtlich, das andere schlenkert tief im Kommerz, weil du dich sonst nicht erhalten und deinem Auftrag entsprechen kannst."

"Wäre der ORF ganz werbefrei, wäre vielleicht alles so gut, wie Ö1 empfunden wird", vermutet Sebastian Loudon, Chefredakteur der Branchenzeitung "Horizont". Ö1 habe Erfolg, weil "unbeschadet von Werbung. Ö1 kann sich den Luxus einer durchgängigen Haltung erlauben."

Brigitte Fuchs (Ö1) warnt vor mehr Abhängigkeit von Gebühren ohne Werbung: "Das bedeutet noch mehr Abhängigkeit von der Politik", deren Vertreter im Stiftungsrat darüber entscheiden wie nun gegen den Willen der VP.

Revanchismus

Die Volkspartei meint Programmdirektor Lorenz wohl auch, wenn er von Parteien "im dunkleren Bereich" spricht, "die uns am liebsten aus Revanchismus und allem Möglichen zerstören wollen". Nun, Bruno Kreisky, SP-Chef und Bundeskanzler, drohte dem ORF schon 1971 mit Teilprivatisierung. Lorenz seufzt, auch selbstironisch: "Die Zeiten, als wir (der ORF) uns die Gesetze noch selbst geschrieben haben, waren die besten."

Die Politik mische sich "ununterbrochen scheltend bei uns ein", politischer Wille sei aber zugleich "Garant des öffentlichen Rundfunks". "Öffentlich-rechtlich" mag Lorenz nicht: "Das Unwort kann nur Perversen eingefallen sein, es schwebt wie ein Fluch über uns und wird uns ins Grab bringen." Der Programmdirektor wünscht der Anstalt statt "Quotenhetze und ORF-Bashing" die "Ruhe, nachzudenken", wie sie "unverwechselbare Notwendigkeit für Demokratie, Aufklärung, Identität des Landes" wird.

Unverwechselbar

Unverwechselbar ist der ORF längst, erinnert Branchenjournalist Loudon den "auf verdammt hohem Niveau leidenden, unzufriedenen ORF-Konsumenten" da: Kein Sender auf der Welt könne sich leisten, ohne Werbepausen alle Varianten von CSI zu spielen. Das ist "nicht die Unverwechselbarkeit, die wir uns wünschen sollten", findet Radiomacherin Fuchs.

Alfred Treiber hat einen Tipp. Das ORF-Fernsehen müsse der Ö1-Klientel, "Futter geben, damit endlich Ruhe ist, also Qualitätssendungen in einem Ausmaß, das die anderen 90 Prozent nicht vergrätzt". Es geht also um die richtige Dosis: "Ich bin der Letzte, der Ö1 fürs Fernsehen fordert, das wäre absurd."

Sogar die Stimmung sei im Radio besser als im ORF-Fernsehen, taucht da noch auf. "Im ORF ist die Stimmung immer schlecht, es ist immer nur die Frage, wie schlecht. Aber gut war sie nie." Sagt Lorenz, der Fernsehmann. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 9./10.2.2008)