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Leistungsdruck und Stress in der Schule erschweren den Kindern das Leben.

Foto: AP/Probst
Klagenfurt - Die Welt von heute ist für Kinder im schulischen Alter weit schwieriger zu bewältigen als noch vor einer Generation. Während einerseits der Leistungsdruck permanent steige, werde die Konzentration auf das Lernen "durch die bunte Welt mit Computer, Internet und Handy immer schwieriger", erklärte Kärntens oberster Schulpsychologe, Gert Lach, im Gespräch mit der APA. Kinder würden dadurch zu viel Energie verbrauchen und schwer unter Stress leiden.

Emotional unterversorgt

"Die Kinder werden heute materiell über- und emotional unterversorgt", schlägt der Schulpsychologe Alarm. Dies führe zu einer "seelischen Verwahrlosung". Lach: "Kinder haben in sich kein gut genährtes Ich, sie sind daher in ihrer schwierigen Situation anfällig für Alkohol, Rauschgift und Gewalt." Auch das Koma-Trinken falle in diese Kategorie: "Die Kinder versuchen, sich damit aus dieser Welt etwas wegzubeamen."

"Die Welt ist zugleich vielfältiger und fordernder geworden", meint der Psychologe und Psychotherapeut, der vor wenigen Tagen zum Leiter der schulpsychologischen Abteilung beim Land Kärnten ernannt worden ist. Die Devise laute: "Alles können, und das möglichst früh, möglichst schnell und alles zur gleichen Zeit." Lach: "Es heißt nicht 'Was kannst du?', sondern 'Was hast du für einen Abschluss?'". Während früher handwerkliche Berufe ebenso anerkannt gewesen seien, gelte man heute nur noch mit dem Abschluss einer höheren Schule als gesellschaftsfähig: "Der soziale Stress war früher nicht so groß."

Eltern überfordern Kinder

"Die Erwartungen und Ansprüche der Eltern an die Kinder gehen aber oft über deren Möglichkeiten hinaus", ist der Klagenfurter Psychologe überzeugt. Die Eltern meinten es zwar zumeist gut, agierten aber oft falsch: "Von den Kindern wird zu viel gefordert, dadurch werden sie oft überfordert." Dazu komme, dass die Kinder in ihrer Situation dann häufig alleine gelassen würden. Lach: "Dadurch leidet die Entwicklung, die Heranwachsenden können zu wenig Kräfte aufbauen, weil von ihrer Kindheit an zu viel von ihnen verlangt wird."

"Die Schule hinkt den gesellschaftlichen Veränderungen nach", beklagt Lach. Auch sie sei extrem leistungs- und zweckorientiert, "ein Abbild unserer Gesellschaft, die theoretisch ausgerichtet ist und in der es um Leistungen und Kontrolle geht, die einen in der Bewegungsfreiheit einschränkt und die aus einem ständigen Wechsel von Gegenständen und Inhalten besteht." Andererseits sei die Freizeit der Kinder keine wirkliche Erholung mehr, sondern Dauerstress vor dem Computer, mit dem Handy oder dem Konsumieren von Gewaltvideos, welche oft genug von den Erwachsenen besorgt würden.

Strengere Jugendgesetze

Auf die Frage, wie man der schwierigen Situation der Heranwachsenden von heute begegnen könne, nennt Lach in erster Linie "sich Zeit nehmen für die Kinder, mit ihnen eine Beziehung leben und ihre Erziehung übernehmen". Der Gesellschaft obliege es, Kinder als wichtiges Gut wert zu schätzen, die Familie "als Lebensmodell zu fördern", alle Formen von Gewalt zu ächten, beim Auftreten erster derartiger Anzeichen bei Kindern handeln und noch strengere Jugendschutzgesetze einfordern.

In diesem Zusammenhang berichtete Lach vom Fall eines elfjährigen Mädchens, welches sich bei einer bekannten Jugendzeitschrift über Analverkehr erkundigt hat. "Die Auskunft wurde ihm in aller Ausführlichkeit bereitwillig gegeben", zeigte sich der Psychologe fassungslos. (APA)