Innsbruck - Einmal pro Woche ist marokkanischer Tee-Nachmittag im Jugendzentrum Z 6 im Stadtteil Dreiheiligen. Schon eine halbe Stunde vor dem offiziellen Start um halb eins ist der Raum fast voll. Bis zu 40 Jugendliche und Männer aus Marokko sitzen und plaudern lautstark, trinken Tee und rauchen unzählige Zigaretten. Streetworker Mor Dieye ist schon länger da, er hat Essen und Tee vorbereitet: "Sie sollen sich nicht immer abgelehnt fühlen." Viele ankommende Marokkaner begrüßen ihn mit inniger Umarmung und Küssen auf die Wange. Sofort erhebt sich eine Diskussion auf Arabisch, eine ziemlich laute Diskussion. "Aber wir streiten nicht", lacht Mor, "arabische Männer reden immer so laut."

Mor Dieye lebt seit rund vier Jahren in Tirol. "Wegen meiner Frau, sie ist Tirolerin", sagt er, "wir haben uns in Sharm El-Sheikh im Urlaub kennengelernt." Jetzt ist Mor verheiratet, lebt in Zirl bei Innsbruck und hat zwei kleine Töchter. Mor ist Senegalese, spricht Arabisch, Französisch und Deutsch und kennt sich in der arabischen Kultur aus. Seit August ist er als Streetworker in der Stadt unterwegs. "Am Abend bin ich oft am Innsbrucker Hauptbahnhof, aber es hat Wochen gedauert, bis die Marokkaner mich akzeptiert haben. Jetzt erzählen sie mir von ihren Problemen."

Machtlose Exekutive

Eingesetzt wurde Mor Dieye nach einem Gipfel zwischen Jugendwohlfahrt, SPÖ, ÖVP und Polizei im Frühsommer 2007. Denn die Exekutive ist in vielen Fällen machtlos. Straffällige Marokkaner, die mit falschem Namen bei ihren Freundinnen wohnen, oder im Eisenbahnwaggon am Westbahnhof schlafen, können nicht in ihre Heimat abgeschoben werden. Sie bekommen kein Heimreisezertifikat, weil sie bei den Behörden in Marokko nicht unter diesem Namen registriert sind. "Ich weiß, dass die meisten von ihnen dealen, hauptsächlich Haschisch, aber über Drogen rede ich mit ihnen nicht. Ich helfe, etwa, wenn sie ins Krankenhaus müssen." Der Senegalese mit den kurzen Dreadlocks hat selbst noch keine Ablehnung erlebt. "Nein, zu mir sind alle nett", lacht er freundlich, "aber ich lebe in einem Dorf, nicht in Innsbruck." (Verena Langegger/DER STANDARD – Printausgabe, 13.2.2007)