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Der Sprung zu höherer Bildung mit besseren Berufschancen gelingt in den USA oftmals mithilfe von Sportstipendien, doch strenge Auflagen benachteiligen vor allem Frauen.

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images
September 2003 in Memphis, Tennessee: Cassandra Harding ist der Shooting Star ihrer Universität. Die begabte, afroamerikanische Leichtathletin hat als Erste in ihrer Familie eine greifbare Chance auf eine höhere Ausbildung. Doch dann: Das zweite Studienjahr, der Traum zerplatzt wie eine Seifenblase. Cassandra stellt fest, dass sie schwanger ist. Die Uni streicht ihr das Sportlerstipendium.

Stipendium weg

Als werdende Mutter könne Sie nicht mehr die sportlichen Leistungen erbringen, zu denen sie sich einst im Gegenzug für das gebührenfreie Studium verpflichtet hatte. Eine entsprechende Erklärung hatte die junge Frau bei ihrer Immatrikulation tatsächlich abgezeichnet. "Aber damals dachte ich nie, dass ich ein Kind bekommen würde", erinnert sie sich.

Um ihren Studienplatz nicht zu verlieren, schiebt Cassandra jetzt Nachtschichten bei einem Paketzusteller. Ihr Töchterchen Assiah lebt im 900 Kilometer entfernten Texas bei der Großmutter.

Sport und College: Das gehört in den USA zusammen wie Campus und Syllabus. An den 1271 Universitäten Amerikas gibt es 360.000 Athleten. Für viele ist der Sport mehr als ein Hobby: Spitzentalenten ebnet er den Weg in die Welt besserer Berufe. Begabte Schwimmer, Läufer, Ballspieler brauchen in den USA oftmals keine Studiengebühren zu zahlen. Doch besonders für die Frauen sind die begehrten Sportlerstipendien an harte Auflagen geknüpft.

Kein Einzelschicksal

Cassandra ist kein Einzelfall. Hollywood und auch der Sportsender ESPN haben jüngst Dokumentarfilme über das Dilemma schwangerer College-Sportlerinnen gemacht. Viele treiben deshalb ab. Andere setzen die eigene Gesundheit und die ihres Kindes aufs Spiel. In Syracuse etwa sorgte eine Basketballspielerin für Aufsehen, die ihrem Trainer erst im siebten Monat von der Schwangerschaft berichtete.

Deborah Brake, Jura-Professorin an der University of Pittsburgh, verfolgt das schwelende Problem seit Jahren. Sie spricht von Geschlechterdiskriminierung: Männliche Sportler bräuchten nicht um ihr Stipendium zu bangen, schlicht, weil eine Vaterschaft sie nicht von Training und Wettbewerben fernhält. "Keine Schule darf eine Studentin wegen einer Schwangerschaft diskriminieren", so Brake, "so etwas verstößt gegen Artikel 9 des Grundgesetzes!"

Inzwischen hat auch die Aufsichtsbehörde NCAA, die über die Vergabe der US-Sportlerstipendien wacht, erkannt, dass Reformen fällig sind. Neue Regelungen sollen nicht nur für den Mutterschutz her. Auch bei Absicherungen gegen Verletzungen und Krankheiten wird nachgekartet: Da entschieden die Hochschulen bislang von Fall zu Fall.

Kritikern geht der Vorstoß jedoch nicht weit genug. Sie verweisen auf die Sozialkomponente des Systems. Die US-Studiengebühren sind auf gemittelte 20.000 Dollar im Jahr explodiert, für immer mehr Jugendliche stellt der College-Sport die einzige Hoffnung auf ein Studium dar. Entsprechend hoch ist die Bereitschaft, sich aus der Masse hervorzuheben.

Selbst Doping ist inzwischen gang und gäbe, weiß der texanische Anästhesist und Senator Kyle Janek. "Diese Kids sagen sich: Oh, diese paar Mittelchen werden mir schon nichts anhaben, ich höre ja eh damit auf, sobald ich mein Stipendium habe." Doch dann geht es weiter. "Sie wollen spielberechtigt bleiben und lassen alles mit sich machen!"

Milliardenspiel

Geschürt wird der Erfolgsdruck auf die Studenten auch durch die Hochschulen. Aus den College-Meisterschaften ist ein akademisches Milliardenspiel geworden. "An den Sportevents nehmen mehr Teams teil als bei den Olympischen Spielen, das Zuschauerinteresse ist enorm", weiß der Ökonom Allan Saunderson: "Ob Unis, Medien oder Sponsoren: Jeder will sein Stück vom Kuchen abhaben."

Die Zahlen sprechen für sich: Im März stehen die US-College-Meisterschaften im Basketball an. Der Fernsehsender-Sender CBS zahlt 550 Millionen Dollar für die Übertragungsrechte: anderthalbmal so viel, wie die Erstausstrahlung der Fußballbundesliga den deutschen TV-Medien wert ist. (Beatrice Uerlings aus New York/DER STANDARD Printausgabe, 16./17. Februar 2008)