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Grüner Treibstoff für den Autotank: Was dem Agrarexperten für die CO2-Bilanz dienlich scheint, lässt den Umweltfachmann schaudern.

Foto: APA/dpa/Frank Rumpenhorst
Retten wir die Welt, wenn wir Biosprit tanken, ist das ethisch vertretbar und schaden wir der Natur damit nicht mehr, als wir ihr nützen? Ein Plädoyer für eine neue Form der Technikfolgenabschätzung.

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Nützen wir der Umwelt, wenn wir mit Ökotreibstoffen fahren? Schaden wir der Gesundheit unserer Kinder, wenn wir ihnen ein Handy kaufen? Bringt die Nanotechnologie, die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, gesündere, ökologischere, kostengünstigere Produkte oder eher Gefahren für Gesundheit und Umwelt? Wir wissen darüber noch wenig, obwohl wir längst mit Nanoprodukten leben: von Sonnencreme und Zahnpasta, dem Toner im Drucker bis zu Lacken und selbstreinigendem Glas.

Fachleute haben recht Expertengutachten über jede neue Technologie können leicht beschafft werden - sie sei extrem nützlich und ohne jede Gefährdung, sie sei weder nützlich noch gefährlich, sie sei keineswegs nützlich, aber gefährlich. Gefälligkeitsgutachten? Käufliche Experten? Keineswegs! Der Agrarexperte sieht in Treibstoff aus Agrarprodukten primär CO2-Reduktion und Verwertung von Agrarüberschüssen, der Umweltexperte sieht primär die Gefahr von Monokulturen, von zusätzlichem Bedarf an Kunstdünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln, der Techniker errechnet, dass die Effizienz bei Verstromung und Ganzpflanzenverwertung besser wäre, und der Ethiker lehnt die Verwendung von Nahrungsmitteln zur Treibstofferzeugung generell ab. Jeder Experte hat aus seiner Sicht durchaus recht.

Die Problematik der spezialisierungsbedingt einseitigen Expertenurteile wird dadurch weiter akzentuiert, dass Naturwissenschafter und Techniker von einem anderen Risikokonzept ausgehen als die Öffentlichkeit: Die öffentliche Diskussion geht von einem Konzept des gesellschaftlichen Risikos aus, das durch Lebensstile und Ideologien, Technikerfahrungen der jüngeren Vergangenheit, aber auch individuelle Nutzen- und Gefährdungserwartungen bestimmt ist. Für Experten aus den Bereichen Naturwissenschaften und Technik gilt ein technisch orientierter Risikobegriff: Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadenshöhe. Das ist kein Konzept, nach dem die Entscheidungen in demokratischen Institutionen fallen (können).

Einen Ausweg aus diesem Dilemma kann nur interdisziplinäre Zusammenarbeit bieten. Die Experten müssen in einem mühsamen Prozess lernen, die Argumente der anderen zu verstehen und abzuschätzen; das setzt zunächst einmal das Erlernen der jeweiligen Sprachen voraus - einem Techniker sind soziologische Argumente völlig unverständlich, er lehnt diese Art, zu thematisieren und zu diskutieren, instinktiv ab.

Der erste Versuch, eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit zu organisieren und zu institutionalisieren, erfolgte in den USA Ende der 60er-Jahre in der Form des Office of Technology Assessment (OTA). Seine Aufgabe war, genaue, umfassende und objektive Informationen über Technologien zu erarbeiten, deren gesellschaftliches Management durch politische Entscheidungen zu erleichtern und dem Kongress zu helfen, zu einer von der Exekutive unabhängigen Meinungsbildung zu gelangen.

Objektive Werturteile

Dieses Konzept der Technikfolgenabschätzung (TA) wurde inzwischen etwas modifiziert ("objektiv" wird inzwischen eher als "Offenlegung von Werturteilen" verstanden, und partizipative Ansätze sind hinzugetreten), die Institutionalisierung in eigenen Einrichtungen hat sich jedoch durchgesetzt.

In Europa gibt es allein bei den Parlamenten inzwischen rund ein Dutzend derartige Einrichtungen, etwa in Deutschland, Frankreich, Italien und beim Europäischen Parlament. In Österreich ist das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) in der Akademie der Wissenschaften angesiedelt. Neben seinen selbstbestimmt-wissenschaftlichen Projekten arbeitet es vor allem mit einigen Ministerien und der EU-Kommission zusammen. Mit dem Parlament ist es nur zu wenig Austausch gekommen, von einer Enquetekommission zur Biotechnologie abgesehen.

Manches deutet allerdings darauf hin, dass sich das in Zukunft ändern könnte. Einerseits sieht sich das Parlament zunehmend mit komplexen Fragestellungen konfrontiert. Andererseits beschäftigt sich das ITA mit einigen für das Parlament besonders relevanten Problemen, derzeit etwa mit Chancen und Risiken der Nanotechnologie, mit der Privatsphären fördernden Gestaltung von Sicherheitstechnologien und ethischen Aspekten der synthetischen Biologie.

Das Parlament sollte diese bisher wenig genutzte Ressource für sich entdecken. Die Ergebnisse der professionellen Auseinandersetzung mit den Folgen und Perspektiven neuer Technologien sollten von den Parlamentariern so früh wie möglich in den politischen Diskurs eingebracht werden. (Gunther Tichy, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.02.2008)