Richard Sennett: "Handwerk". Dt. von Michael Bischoff. Berlin: Berlin Verlag 2008, € 22,70

Coverfoto: Berlin Verlag

Ursprünglich hätte Richard Sennett gar nicht Kopfarbeiter werden sollen: In Teenagerjahren war am besten Weg, als Cellist Karriere zu machen. Durch ein Sehnenleiden und eine missglückte Operation gestoppt, sattelte er mit 20 auf die Sozialwissenschaften um. Heute, 45 Jahre später, lehrt er an der renommierten London School of Economics und gilt nicht zuletzt in den deutschsprachigen Ländern als der US-Starsoziologe der Gegenwart.

Sein neuestes Buch, in das auch Sennetts Erfahrungen als Musiker einflossen, trägt auf Deutsch den schlichten Titel "Handwerk". Es ist der Auftakt zu einer Trilogie - und zugleich die Fortsetzung seiner beiden Bestseller "Der flexible Mensch" (1998) und "Die Kultur des neuen Kapitalismus" (2003), in denen er die Auswirkungen des von ihm so bezeichneten "MP3-Kapitalismus" auf das Individuum beschreibt.

Diese neuen Arbeitsverhältnisse verlangen, sich ständig auf neue Gegebenheiten einstellen. Sehr viel weniger wichtig ist, dass ein Mensch ein Handwerk erlernt und schließlich gut beherrscht - weil man ja eh wieder umlernen müsse.

Die Bedeutung des Handwerks, gerade auch in Zeiten der forschreitenden Virtualisierung, ist das Leitmotiv in Sennetts neuem Großessay. "Wenn Hand und Kopf voneinander getrennt werden, leidet der Kopf", heißt es darin immer wieder in Variationen. Dafür hat der kunstsinnige Soziologe Belegmaterial aus der gesamten Geschichte des Abendlands in Stellung gebracht - vom Demiurgen der alten Griechen über den mittelalterlichen Instrumentenbauer bis zum Linux-Programmierer der Gegenwart.

Damit ist man aber auch schon bei einem der Hauptprobleme dieser Rehabilitation des Handwerks. Denn was zum Beispiel macht die Handarbeit des Programmierers aus? Das Tippen kann es wohl nicht sein.

Eine zweite Schwäche: Bei jenen Formen der Handarbeit, die Sennett in den Blick nimmt, macht man sich die Finger eher nicht schmutzig. Über mittelalterliche Gerber oder heutige Altenpfleger wird man in seinem Loblied auf den Homo faber, das handwerklich elegant komponiert ist, aber auch seltsam unstimmig wirkt, keine Zeile finden. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 2. 2008)