Selbsterkenntnis auf einem Hügel im Morgengrauen, ein wenig wie bei Hitchcock: George Clooney als müder Titelheld des Thrillers "Michael Clayton".

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Als Anwalt mit Augenringen, der sich selbst ein wenig näherkommt, ist Hollywoods Darling George Clooney zu sehen.


Wien – Zwischen dem, der man ist, und dem, der man sein will, liegt ein Abstand, der sich nicht einfach überbrücken lässt. In Tony Gilroys Wirtschaftsthriller "Michael Clayton" gibt es allerdings ein Bild, das diesen Abstand für einen Moment außer Kraft setzt und Raum für neue Möglichkeiten schafft. Der Titelheld hat eine lange Arbeitsnacht hinter sich, er ist müde und ausgezehrt, als er mit seinem Wagen im Morgengrauen an einem Hügel hält. Oben auf der Wiese grasen ein paar Pferde. Clayton steigt aus und stapft hinauf zu ihnen. Er atmet durch. Dann gibt es einen Knall und sein Auto explodiert. Es ist die Szene einer Epiphanie, denn plötzlich weiß der Mann wieder, was zu tun ist.

Dass "Michael Clayton" genau dieses Bild als den Beginn einer langen Rückblende wählt, rückt die Erzählung des Films in eine bestimmte Richtung. Es geht nicht nur um einen Fall unternehmerischer Kriminalität und die überraschenden Manöver aller Beteiligten, also allein um die Maschinerien des Thrillers, sondern um einen Mann, der wieder handlungsfähig wird.

Leere Blicke

George Clooney verkörpert diesen Clayton, einen Anwalt, der an den Nebenfronten einer großen Kanzlei für all die Dinge zuständig ist, die schneller und effizienter Lösungen bedürfen. Kein Mann fürs Grobe, sondern einer für delikate Angelegenheiten. Das ist keine Arbeit, mit der sich viel Prestige verbindet, und dass Clayton Spielschulden hat, erhöht seine Selbstachtung nicht gerade. Doch der Mann gehört jenem Typus an, der über sich selbst mit einem Lächeln hinwegsieht. Auf den ersten Blick wirkt er souverän, doch es gibt die Andeutung einer Leere, die hinter seiner Maske lauert.

Clooney spielt Clayton, wenn man so will, als die ausgebrannte Variante seines Nespresso-Alter-Egos. Für jeden Star (zumal für einen, der als Hollywoods Charmebolzen gilt) ist die Rolle eines traurigen Verlierers eine Herausforderung, gerade weil sie keinen schauspielerischen Kraftakt, sondern leisere Töne erfordert. Clooney hat das Projekt von Regisseur Tony Gilroy, bekannt als Drehbuchautor der "Bourne"-Serie, überhaupt erst auf die Beine gebracht und sogar auf sein Gehalt verzichtet. Das verrät einiges über die Mutlosigkeit der US-Filmindustrie, die offenbar vor einem Film zurückschreckt, der ein zeitgenössisches Thema über die Routinen erwartbarer Thrillerlogiken hinaushebt.

Anstatt nur auf Suspense zu setzen, investiert "Michael Clayton" nämlich auch einige Zeit in die Ausgestaltung der Figuren. Neben dem Titelhelden erhält jener Arthur Evans (Tom Wilkinson) Konturen eines Mannes, der den Kardinalfehler eines Anwalts begeht: Er, der die Interessen eines Agrarkonzerns vertritt, entdeckt seine Moral und wechselt die Seiten. Evans ist ein alter Fuchs des Geschäfts, sodass es symbolisch zu verstehen ist, wenn er aus Frust bei einer Unterredung die Hosen runterlässt. Hier tritt nun Clayton auf den Plan, um ihn wieder zur Vernunft zu bringen.

Der Fall ist eigentlich das Geringste, was an diesem Film interessant ist – eine Sammelklage, in der es um gesundheitsschädigende Substanzen geht. "Michael Clayton" benutzt ihn als Anlass, um über Menschen zu erzählen, die in ihren Arbeitszusammenhängen gefangen sind, einfach deshalb, weil das System so läuft. Evans ist derjenige, der mit aller Macht auszubrechen versucht, koste es, was es wolle. Clayton agiert pragmatischer, aber auch er weiß um die Zwänge seiner Geschäftsidentität Bescheid. Wenn er seinem Sohn Stärke vermitteln will und ein freieres Leben in Aussicht stellt, dann weiß man gleich, wovon er spricht.

Selbst auf der Gegenseite macht der Film deutlich, was es bedeutet, den Anforderungen eines öffentlichen Bildes tagtäglich entsprechen zu müssen. Karen Crowder vertritt den Konzern, aber man sieht sie meistens in Hotelzimmern, wo sie sich auf den nächsten Auftritt vorbereitet. Schweißflecken versucht sie zu kaschieren, jede Unsicherheit will sie verbergen, und vor dem Spiegel übt sie die Sätze, die sie gleich vor laufender Kamera sprechen wird. Tilda Swinton wurde für ihre Darstellung verdientermaßen mit einem Oscar ausgezeichnet, weil sie die mühevolle Arbeit an einer Performance sichtbar werden lässt – und die Angst, an ihr zu scheitern.

Moralische Indifferenz

Tony Gilroy hat in Interviews darauf hingewiesen, dass er sich an Thrillern des New Hollywood orientiert hat. Tatsächlich erinnert die Art, wie Menschen hier als Objekte ihrer slicken Firmenwelt inszeniert werden, an Filme von Alan J. Pakula oder John Frankenheimer, die freilich noch auswegloser waren. Aber auch "Michael Clayton" weiß um moralische Indifferenz Bescheid, um Abnützung und Verluste im Geschäftsleben.

Wenn der Film einem Menschen die Gelegenheit gibt, aus diesem Trott auszuscheren und die Freiheit einer Handlung zu genießen, dann wechselt er kurz hinüber ins Reich der Utopie: Dorthin, wo jeder ist, was er sein will. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.2.2008)