Madrid/Wien - Der serbische Präsident Boris Tadic befürchtet, dass die Frage der Unabhängigkeit des Kosovo zu einem jahrelangen Konflikt ausufern könnte. "Einige der Länder, die den Kosovo illegal anerkannt haben, machen einen historischen Fehler, der nicht zu Stabilität beitragen wird, ganz im Gegenteil", sagte Tadic in einem Interview mit der spanischen Tageszeitung "El Pais". "Es ist aber nicht in unserem Interesse, einen fünf, zehn, 20 Jahre eingefrorenen Konflikt zu haben wie auf Zypern."

Tadic zufolge ist Serbien weiter auf der Suche nach einer Kompromisslösung: "Das ist ein rationaler Zugang. Wenn wir Sieger und Besiegte haben, wird es keine Stabilität geben. Wenn die Albaner alles erreichen und die Serben alles verlieren, wird es ein Problem geben. Wenn wir ein instabiles Serbien haben, wird nicht nur Serbien unter den Konsequenzen leiden."

Kompromiss

Bezüglich der Möglichkeit, dass sich die im Norden des Kosovo lebenden Serben ihrerseits abspalten könnten, meinte Tadic: "Ich spreche nicht von einer Abspaltung, sondern von einem Kompromiss. Aber diese einseitigen Unabhängigkeitserklärungen kreieren andere einseitige Erklärungen."

Zwar fühlten sich viele Serben von mehreren Ländern Europas ungerecht behandelt, doch würde dies nichts an der EU-Orientierung ändern: "Die Leute verstehen, dass wir Mitglied der EU sein müssen, dass das in unserem nationalen Interesse ist. Wir verzichten weder auf den Kosovo noch auf die Mitgliedschaft in der EU."

Er könne den Unmut des serbischen Volkes aber verstehen, sagte der Europa-orientierte Politiker: "Als Psychologe noch mehr als in meiner Funktion als Politiker. Die politische Krise in Jugoslawien in den 1990ern war unglücklicherweise die Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs. Wie haben Opfer auf allen Seiten und man muss um Verzeihung bitte. Jemand muss damit anfangen und ich habe das schon getan. In Srebrenica. In Zagreb. Das negative Bild, das in den 90er-Jahren in den ausländischen Medien von den Serben gezeichnet wurde, war nicht gerecht. Wir waren nicht die einzigen Schuldigen."

Daher habe es in Serbien auch keine Katharsis der Gesellschaft gegeben, argumentierte Tadic: "Die Leute wollen nicht akzeptieren, dass sie allein schuldig sein sollen. Die einfachen Leute wissen, was passiert ist, aber sie wollen nicht darüber sprechen, weil sie erwarten, dass auch dien anderen Entschuldigung sagen. Das ist sehr wichtig für einen tatsächlichen Prozess der Wiederversöhnung, für Reformen und die Integration in die EU. Es ist nicht realistisch zu erwartet, dass wir die einzigen sind, die Fehler aus der Vergangenheit eingestehen, wenn wir gleichzeitig einen Teil unseres Territoriums und unserer Identität verlieren."

Von Spanien erhoffte sich Tadic in dem "El Pais"-Gespräch weitere Unterstützung. "Für uns wäre es entscheidend, dass Spanien innerhalb der EU eine Position mit Prinzipien einnehmen würde, ads würde Serbien auf seinem Weg nach Europa sehr helfen. Spanien, die Slowakei und Rumänien verteidigen nicht die Interessen Serbiens, sondern ihre eigenen und ihre territoriale Integrität."

Spanien erkennt die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an, weil es die einseitige Erklärung als völkerrechtswidrig erachtet. Die ablehnende Haltung Madrid zu einer Souveränität des Kosovo wird darauf zurückgeführt, dass Spanien eine Vorbildwirkung auf Separatisten in Katalonien, dem Baskenland (Euskadi) oder Galicien befürchtet. (APA)