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Die deutsche Wehrmacht auf Russlandfeldzug: Aufgrund der zunehmenden Verrohung der Truppen im Kriegsalltag wurden unmenschliche Handlungen möglich und die Soldaten zu willkürlichen Vollstreckern im Vernichtungskrieg.

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"Bubi, sprich schön!", der Satz seiner Großmutter hat sich eingeprägt. Im kleinbürgerlichen Milieu seiner Familie wurde großer Wert auf eine gepflegte Sprache gelegt. Herr H. erinnert sich, dass die Mutter und Großmutter diskutierten, ihn in einen Montessori-Kindergarten schicken wollte. Er erhielt Geigen- und Violoncellounterricht und absolvierte ein Jahr bei den Wiener Sängerknaben. So oder ähnlich könnte die Beschreibung eines musterhaften, bildungsbürgerlichen Lebenslaufes beginnen - und nicht die eines überzeugten Nazis.

Herr H. sitzt in seinem Wohnzimmer in der Wiener Leopoldstadt und versucht, es sich am eigenen Sofa bequem zu machen. Seine Haare und sein Oberlippenbart sind weiß, und beim Sprechen legt sich seine Stirn in tiefe Falten. Er spricht langsam, wählt seine Worte mit Bedacht. Das Erinnern an die Zeit des Nationalsozialismus erfordert heute seine ganze Konzentration.

Als sein Vater aus dem Ersten Weltkrieg nach eineinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, war er wie viele andere auch überzeugt, dass der Sozialismus die Zukunft sei. Zur selben Zeit war die antisemitische Saat von Karl Lueger bereits so aufgegangen, und Juden wurden als Ursache vieler Probleme vorgeschoben - auch in der Familie H. Weil das Hutmacherzubehörgeschäft nicht erfolgreich lief, war es ein Leichtes, das jüdische Hutmacherzubehörgeschäft in der Nähe für den Misserfolg verantwortlich zu machen. So kam der Vater - über den Antisemitismus - vom Sozialismus zum Nationalsozialismus.

1926, drei Jahre nach R.s Geburt im Jahr 1923, war der Vater an der Gründung der österreichischen NSDAP beteiligt und als Landespressereferent in der Parteispitze aktiv. Nach der Ausschaltung des Parlaments im März 1933, dem Verbot der österreichischen NSDAP im Juni 1933 und der Errichtung des autoritären Ständestaates im Jahr 1934 ging der alte H. im Frühjahr 1934 in das nationalsozialistische Deutschland. Sohn und Mutter folgten noch vor dem Putschversuch der österreichischen Nazis im Sommer 1934 - zuerst nach München, dann nach Karlsruhe, schließlich nach Stuttgart, wo sein Vater beim Hilfsbund der Deutsch-Österreicher tätig war.

R. H. erlebte diese Zäsur als Aufbruch: "Ich bin nahtlos von den Wiener Sängerknaben zum deutschen Jungvolk gekommen." Mit 14 ging es zur Hitlerjugend, wo er zum begeisterten Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung wurde: "In der Hitlerjugend habe ich wie alle anderen eine vormilitärische Erziehung durchlebt." Er erzählt von Wanderfahrten, von Lagern und zitiert Landknechtslieder wie etwa Spieß voran, drauf und dran, setzt aufs Klosterdach den roten Hahn: " Wir haben das mit Inbrunst gesungen, mit Vehemenz gebrüllt. Wir haben das für sehr wichtig gehalten."

"1938 konnten wir endlich als Sieger nach Österreich zurückkehren", sagt Herr H. Die Ereignisse rund um den Anschluss im März 1938 verfolgten sie noch aus Stuttgart, aber kurz vor der Volksabstimmung kehrten sie in die "Ostmark" zurück, wo sie als verdiente Parteigenossen sofort eine arisierte Wohnung im 19. Gemeindebezirk beziehen konnten. Dem jugendlichen R. kamen keinerlei Zweifel über die Rechtmäßigkeit dieses Vorgangs, sondern er fand, dass sie "ganz legitim dort wohnen konnten".

Endlich "Feindberührung"

R. H. erinnert sich heute daran, dass in der Reichskristallnacht am 9. November 1938, als in Wien die Synagogen brannten, Geschäfte und Wohnungen geplündert wurden und Juden erniedrigt, verletzt und ermordet wurden, alle an dem Abend bei der HJ "Dienst" hatten, obwohl die Ereignisse laut damaligen Stellungnahmen "spontan und freiwillig" abgelaufen seien. 70 Jahre später versucht R. H. zu erklären, was bis heute unerklärlich bleibt. In seinem damaligen ideologischen Umfeld kam er nicht auf die Idee, sich Gedanken über das Schicksal der Opfer zu machen. Herr H. erinnert sich heute nur noch daran, dass diese mörderische Hetze für sie eine "große Hetz" war.

Nach Beginn des Krieges bot sich den fanatisierten Jugendlichen schließlich die Möglichkeit, in der Realität zu versuchen, was sie sich beim Singen der HJ-Landknechtslieder vorstellten. 1941 meldete sich R. H. freiwillig zum Militär. Der Vater, der für seinen noch nicht volljährigen Sohn unterschreiben musste, blieb trotz Nazi-Gesinnung und aufgrund seiner eigenen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg skeptisch. Als Freiwilliger konnte er sich die Waffengattung aussuchen und wählte die Panzertruppe - auch deshalb, weil ihn die martialische Symbolik der schwarzen Uniform mit den Totenköpfen am Kragen (ähnlich der SS) beeindruckte. Mit der 2. Panzerdivision kam er in die Umgebung von Smolensk in Russland. Nach ersten Enttäuschungen darüber, dass der Kriegsdienst im Panzer II wenig mit den Heldenmythen aus der HJ-Zeit gemein hatte, wurde seine Einheit mit dem größeren Panzer III ausgerüstet. Jetzt hatte auch er Gelegenheit zur "Feindberührung", da er mit einem kleinen MG ausgerüstet war.

R. H. spricht heute aus, worüber er lange geschwiegen hat. Er beschreibt eine Szene aus dem Russlandfeldzug. Als sie mit dem Panzer entlang eines zugefrorenen Sees gefahren waren, lief eine leicht bewaffnete Einheit russischer Soldaten auf sie zu: "Ich schoss mit Triumph-Gebrüll in die Einheit hinein und mähte die Reihe der Angreifer nieder." Der 84-Jährige beschreibt die Szene nicht als nüchterne Kriegshandlung, sondern als orgiastischen Akt: "Ich empfand höchste Befriedigung, als ich die Russen der Reihe nach in den Schnee purzeln sah!" Ringt er heute mit Schuldgefühlen? H.: "Es war willkürliche Brutalität. Wir haben als Soldaten scheußliche Sachen erlebt und selbst scheußliche Sachen getan."

R. H. war nicht nur an "normalen" Kriegshandlungen, sondern auch am willkürlichen Zerstörungswerk der Wehrmacht an der russischen Zivilbevölkerung beteiligt: "Ich kann mich genau an eine Situation Anfang 1943 erinnern. Als ich gerade an der Reihe war, den Panzerfahrer zu dirigieren, kamen wir durch eine Ortschaft. Ich muss eingestehen, dass es mir einen diabolischen Spaß bereitete, den Fahrer so zu lenken, dass das Haus schwer demoliert wurde. Vorher habe ich noch gesehen, dass Rauch aus dem Schornstein kam, das Haus also bewohnt war." Damals hatte R. H. keinerlei moralische Bedenken, heute, sagt er, sei er sich seiner Schuld bewusst: "Ich habe keine Entschuldigung! Ich war Teil der deutschen Soldateska."

Unmenschliche Willkürakte

R. H. wurde Zeuge von Kriegsverbrechen, die er aus nächster Nähe beobachten konnte. Immer wieder kamen sie in Kontakt mit Zivilpersonen, die mangels einer Uniform in den Verdacht kamen, Partisanen zu sein. Einmal, erinnert sich R. H., kam der wachhabende Soldat mit einem etwa 35-jährigen Russen in das Quartier. "Legen S' ihn um!", befahl der Leutnant seinem 22-jährigen Unteroffizier, der bis dahin noch nie einen Schuss abgegeben hatte. "Nachdem er diesen Willkürakt ausgeführt hatte, war er ein gebrochener Mann", erzählt R. H. Der Rest der Truppe zeigte keinerlei Betroffenheit wegen des Mordes. R. H. erinnert sich auch an eine Szene in einem russischen Bauernhaus, das zum Quartier für die Truppe gemacht wurde. Ein Oberfeldwebel versuchte die etwa 25-jährige Tochter des Hauses vor den Augen der Truppe zu vergewaltigen, was ihm nicht gelang. Daraufhin wurde der zornig, zog seine Pistole und schoss ihr in den Unterleib. R. H. hat über diese Situation immer wieder nachgedacht und sich gefragt: "Was hätte ich da machen können?" Heute stellt sich Herr H. die Frage anders: "Warum habe ich damals nichts gemacht?" Aufgrund der rassenideologischen Propaganda und auch aufgrund der zunehmenden Verrohung der Truppe wurden Handlungen möglich, deren Widerwärtigkeit heute unerträglich erscheint. Ideologische Indoktrination und Kriegspropaganda haben aus Menschen wie Herrn H. unmenschliche Vollstrecker im Vernichtungskrieg gemacht.

Der Vater von R. war nach 1945 mehrere Jahre im Entnazifizierungslager Glasenbach. R. selbst wurde 1944 verletzt, aber er überlebte. Schon gegen Kriegsende befallen Herrn H. Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Krieges und schließlich an der nationalsozialistischen Ideologie. Nach dem Krieg studiert er Architektur und vollzieht eine ideologische Kehrtwende. Seine Erinnerungen an die Kriegsgräuel trägt er bis heute mit sich, mit den Jahren wachsen die Schuldgefühle. Jahrzehnte hat er kaum über die Kriegsjahre gesprochen, weder mit seiner Frau, von der er sich später wieder trennte, noch mit seiner Tochter. Er war bis zu seiner Pensionierung im Wohnbau tätig und engagierte sich im Weltfriedensrat und wurde Aktivist der Ostermarschbewegung. (Heinrich Berger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 3. 2008)