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Chávez am 27. Februar zwischen seiner Tochter Maria (li.) und der Ex-Farc-Geisel Gloria Polanco, für die er vermittelt hatte.

Foto: AP/Gregorio Marrero
Der Triumph von Kolumbiens Establishment währte nur kurz. "Ein Schlag ins Herz der Farc", jubelte die regierungsnahe Zeitung El Tiempo am Sonntag und druckte gleich zwei Fotos von der verstümmelten Leiche des Guerillakämpfers Raúl Reyes. "Das ist der Anfang vom Ende der Farc", meinte Sicherheitsexperte Alfredo Rangel. Politiker und Unternehmer überhäuften Staatschef Álvaro Uribe mit Glückwünschen. Reyes, 59, das bekannteste Mitglied der "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens", war am Samstagmorgen einer minutiös geplanten Attacke der Armee zum Opfer gefallen. Da der Überfall mit Kampffliegern und Hubschraubern jedoch einem Rebellenlager auf ecuadorianischem Territorium galt, droht nun eine Ausweitung des kolumbianischen Bürgerkriegs auf die Nachbarschaft.

Venezuelas Staatschef Hugo Chávez ordnete vorgestern die Verlagerung von zehn Panzerbataillonen an die Grenze zu Kolumbien und die Schließung der Botschaft in Bogotá an. Stunden später beschloss Ecuadors linker Präsident Rafael Correa ebenfalls Truppenverlegungen und verwies den kolumbianischen Botschafter des Landes.

"Guter Revolutionär"

Die Tötung des "guten Revolutionärs" Reyes bezeichnete Chávez als "feigen Mord", einen Kampf habe es nicht gegeben. "Ich habe Correa gesagt, du kannst auf Venezuela zählen", berichtete er in seiner sonntäglichen TV-Show "Aló Presidente". Uribe sei "ein Krimineller, ein Mafioso", polterte er weiter, "das kann der Anfang eines Kriegs in Südamerika sein". Falls Uribe "so etwas in Venezuela" anstelle, werde er mit Sukhoi-Kampfflugzeugen antworten: "Wir wollen keinen Krieg, aber wir werden nicht zulassen, dass das Imperium oder sein Schoßhündchen Uribe uns schwächen."

Ganz offensichtlich fühlen sich Chávez wie jetzt auch Correa von ihrem kolumbianischen Kollegen hintergangen. Obwohl der stramm konservative Uribe dem Venezolaner bereits im November abrupt ein Vermittlungsmandat zu einem möglichen Gefangenenaustausch zwischen 40 Farc-Geiseln und gut 400 inhaftierten Rebellen entzogen hatte, ließen die Farc auf Drängen des sendungsbewussten Sozialisten im Januar und Februar sechs prominente Geiseln ohne Gegenleistung frei.

Doch anstatt sich auf Verhandlungen über ein solches "humanitäres Abkommen" einzulassen, setzt Uribe weiter auf eine militärische Niederlage der Guerilleros, die er nur "Banditen" oder "Terroristen" nennt. Dabei weiß er nicht nur die logistische Zuarbeit der US-Militärs, sondern auch eine deutliche Mehrheit seiner Landsleute auf seiner Seite. Empört verkündete Rafael Correa am Sonntagabend, bei dem Angriff seien die kolumbianischen Flugzeuge mindestens zehn Kilometer tief in den Luftraum Ecuadors vorgestoßen, um das drei Kilometer von der Grenze gelegene Rebellencamp von Süden her anzugreifen.

Im Schlafanzug massakriert

20 Guerilleros, "fast alle im Schlafanzug", seien dabei "massakriert" worden. Uribe habe ihn "und die Welt" angelogen, denn die Soldaten seien gar nicht bei der Verfolgung der Aufständischen auf ecuadorianisches Territorium geraten. Eine halbherzige "Entschuldigung" von Kolumbiens Außenminister Fernando Araújo für die "unverzichtbare" Grenzüberschreitung wollte er nicht gelten lassen.

Im Gegenzug erklärte der kolumbianische Polizeichef Óscar Naranjo, der ecuadorianische Sicherheitsminister Gustavo Larrea habe sich mit Raúl Reyes getroffen - dies gehe aus E-mails hervor, die sich auf Computern des getöteten Kommandanten befunden hätten. Larrea habe signalisiert, Militärs, die der Guerilla feindlich gesinnt seien, könnten aus dem Grenzgebiet wegversetzt werden. Und Correa habe auf die Freilassung einer Geisel gedrängt. (Gerhard Dilger aus Bogotá/DER STANDARD, Printausgabe, 4.3.2008)